Bürger forschen mit!
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CITIZEN SCIENCE
Bürger forschen mit!
Den Startschuss für die Wiedergeburt der Bürgerwissenschaft gab der technologische Fortschritt – vor allem das Internet als Medium des Teilens und der urplötzlich vereinfachten und verbilligten Kommunikation spielt eine immens wichtige Rolle. Zwar findet das vermeintlich älteste Citizen Science-Projekt, der „Christmas Bird Count“ in den USA, bereits seit 1900 jährlich statt, doch erst seit Ergebnisse und Daten per Klick von zuhause in Datenbanken eingefügt werden können und deren Verarbeitung und Aufbereitung durch Internet-Auftritte verfolgbar wurde, schwillt die Anzahl der Projekte wie auch die der Citizen Scientists stetig an.
Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie des UK Environmental Observation Framework hat etwa das sehr erfolgreiche eBird seit 2002 eine Unterstützerschar von 25.000 Laien erreicht. In dem Projekt können Vogel-Enthusiasten und Hobby-Ornithologen Sichtungen von Amsel, Drossel, Fink und Star in eine Internet-Plattform eintragen, samt Ort und Zeit der Sichtung. Die Vogelfreund-Organisation „Cornell Lab of Ornithology“ und die Natur- und Vogelschützer der „National Audubon Society” in den USA gründeten die Seite 2002 – seitdem wurden bereits sagenhafte 100 Millionen Sichtungen darüber vermeldet.
Ein ähnlicher Ansatz stößt auch in Großbritannien auf große Resonanz. Ein nationales Programm namens Open Air Labs (OPAL), unter Federführung des Imperial College in London, kann seit 2007 bereits auf etwa 500.000 Citizen Scientists verweisen. Auch hier fundamental: Der Einsatz moderner Technologien. Eine eigens entwickelte, einfach zu bedienende und ansprechende App fürs Smartphone namens iSpot ermöglicht es Nutzern, direkt unterwegs mit dem Handy etwa Bienen zu fotografieren, diese Bilder hochzuladen, zu kommentieren und mit einer Datenbank zu teilen. Selbstverständlich ebenfalls integriert ist die Vernetzung mit sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter, Instagram und Co. Ein von der EU-Kommission finanziertes Projekt namens Citclops leitet Freiwillige dazu an, mithilfe der beliebten Foto-Pinnwand-App „Pinterest“ für Smartphones den Zustand der Meere zu fotografieren und nach Farbe, Transparenz und Fluoreszenz zu kategorisieren.
Die Citizen Scientists stellen für die Wissenschaft eine breite, großangelegte und vor allem kostengünstige Möglichkeit der Datenerhebung dar. Denn anders als etwa bei Befragungen oder Telefonumfragen, finden viele Menschen es spannend, bei der Datenerhebung mitzuhelfen, wenn sie dabei selbst aktiv Vögel, Bienen oder Pflanzen zählen oder, wie in einem erfolgreichen US-Projekt, Grabsteine untersuchen.
„Du bist der Kartograf. Du bist der Forscher. Sei Teil der Entdeckung.“ So umwirbt die US-Raumfahrtbehörde NASA interessierte Bürger für ein großes Citizen Science Programm namens „Be a Martian“ – sei ein Marsianer – mit dem ein anderer Vorteil der Bürgerforscher genutzt werden soll: Nicht Daten sammeln sollen Laien hierbei, sondern existierende Daten analysieren. Die Freizeit-Astronomen sollen dabei unter anderem zur Kartografierung des Mars beitragen und dafür Fotos etwa des Mars-Rovers Curiosity auswerten – eine Tätigkeit, die Computer nicht ohne Weiteres ausführen können. Denn auf den Bildern soll zum Beispiel die Art der Bodenbeschaffenheit oder die Anwesenheit von Kratern oder Schatten markiert werden. Ähnlich etwa den Captchas, schwer leserliche Buchstabenkombinationen, die im Internet zur Passwortsicherung verwendet werden, haben Computerprogramme Probleme dabei, abstrakte Kategorien wie „Krater“ in nicht vorher definierten Bildern zu erkennen. Dies macht die Bildersichtung zur idealen Aufgabe für Citizen Scientists.
Besonders erfolgreich ist in diesem Kontext auch das Projekt Galaxy Zoo, welches ein Astrophysiker der Universität Oxford 2007 startete – als er an der Aufgabe verzweifelte, etwa eine Millionen Galaxien zu sichten und zu klassifizieren. Auf einer Internetplattform stellte er die Bilder des Weltraumteleskops kurzerhand der globalen Schar potentieller Freiwilliger zur Verfügung. Mit umwerfendem Erfolg: 300.000 Citizen Scientists und etwa 200 Millionen ausgewertete Bilder sprechen Bände. Mittlerweile hat das Projekt mit Zooniverse einen Ableger. Auf der Seite werden derzeit dreizehn Citizen Science Projekte angeboten, von Weltraumforschung und Ökologie über die Klassifizierung von Krebszellen bis hin zur Erforschung der griechischen Antike. Inklusive des Galaxy Zoo Projekts bindet die Erfolgs-Seite weltweit fast 800.000 Aktive.
Einige Citizen-Science-Projekte gehen sogar noch einen Schritt weiter – sie lassen den interessierten Laien aktiv selbst an Forschungsproblemen tüfteln. Das wohl bekannteste Beispiel ist Foldit, ein 2008 gestartetes Projekt, bei dem Freiwillige in einem eigens entwickelten Online-3D-Spiel Proteine falten können. Auch hier gilt: Menschen erfüllen Funktionen, die Computer nicht übernehmen können, denn Kreativität und Intuition zu programmieren, bleibt eine zentrale Hürde der Branche. Der Durchbruch für das Spiel, welches über mehr als 45.000 angemeldete Spieler verfügt, kam 2011, als es Forschern durch Foldit gelang, ein Protein zu entschlüsseln, welches AIDS bei Rhesusaffen auslöst. Im letzten Jahr schaffte es ein Spieler zudem, durch Modifikation eines Proteins dessen Aktivität um das 18-fache zu erhöhen – und das alles ohne molekularbiologisches Studium! Ganz nebenbei werden Erkenntnisse aus Foldit zusätzlich zur Programmierung besserer Protein-Faltungs-Software verwendet.
Einer der zentralen Faktoren hinter dem Erfolg von Projekten wie Foldit, aber auch dem „Be a Martian“-Projekt der NASA ist der Aufbau in Anlehnung an große Multiplayer-Online-Spiele. „Gamification“ nennt sich der Ansatz, bei dem Echtzeit-Ranglisten, Level, Punkte und Boni, Trophäen und Ehrungen zentrale Aspekte sind, die Citizen Scientists auch langfristig motivieren. Auch Projekte wie eBird, in denen die Freiwilligen Vogelsichtungen melden, nutzen Elemente der „Verspielung“: zum Beispiel durch Fotowettbewerbe oder Top-User Ranglisten.
Citizen Science kann aber nicht nur Forschern und Datensammlern dienen, auch Politik und Gesellschaft können sie nutzen: Ausgewiesenes Hauptziel von OPAL ist es etwa, die Briten zu mehr Aufenthalt in der Natur zu bewegen und dadurch Gesundheit und Umweltschutz ins Bewusstsein der Menschen zu bringen. Die attraktive Möglichkeit, selbst zur Forschung im Land beizutragen, lockte dabei laut einem im Januar veröffentlichten Bericht auch eine große Zahl sonst „schwer erreichbare“ Teilnehmer auf wissenschaftliche Pfade, also etwa geistig behinderte Menschen, sowie Mitglieder bildungsferner Schichten und ethnischer Minderheiten: Etwa ein Fünftel der Teilnehmer entspringe diesen Gesellschaftsteilen.
Ein weiteres Beispiel für den sozialen Wert solcher Modelle ist das Mastodon Project. Allein zwischen 2007 und 2011 beteiligten sich mehr als 3.500 Menschen an der paläonthologischen Recherche, zum überwiegenden Teil (Grund-)Schüler – ein Riesenerfolg also nicht nur für die beteiligten Forscher, sondern auch für Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Politik, die möglichst viele Menschen für Bildung und Wissenschaft begeistern will.
Citizen Science ist eine Erfolgsgeschichte durch und durch. Bisher war sie zu großen Teilen auf den anglo-amerikanischen Raum beschränkt, doch auch in Deutschland hält die Einbindung von Citizen Scientists in die Forschung Einzug: Projekte wie die Vogelbeobachtungswebseite ornitho.de, die 2011 startete, das 2005 eingeführte Tagfalter-Monitoring oder das 2009 durchgeführte (europaweite) Evolution MegaLab zur Erforschung der Evolution anhand von Bänderschnecken zeugen vom Potenzial des Konzepts Citizen Science auch in Deutschland.
Weitere Informationen zu Citizen Science finden Sie auf der neuen Plattform www.citizen-science-germany.de



















