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Ethik ist nie frei von Interessen

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K. Rüdiger Durth

Grundlagenfragen

Ethik ist nie frei von Interessen

Grenzen und Rolle des Wissenschaftsmanagements – Interview mit Professor Dr. Martin Hein, Mitglied des Deutschen Ethikrates

„Darf Wissenschaft alles, was sie kann?“ Das ist eine zentrale Frage der gesellschaftlichen Auseinandersetzung zwischen Ethik und Wissenschaft. Und diese Frage steht im Mittelpunkt des Interviews mit Professor Dr. Martin Hein, der seit dem Jahr 2000 als Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck immer wieder von zahlreichen ethischen Fragen herausgefordert wird, der als Honorarprofessor die Wissenschaft kennt und der als langjähriges Mitglied des Zentralausschusses (ZA) des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) über eine große internationale Erfahrung verfügt, vor allem im Spannungsfeld der Weltreligionen. 2014 wurde Bischof Hein von Bundestagspräsident Norbert Lammert in den Deutschen Ethikrat berufen.

Bild: medio.tv/Schauderna

Wissenschaftsmanagement (WM): Herr Bischof, zwischen Ethik und Wissenschaft besteht traditionell eine Spannung. Konkret gefragt: Darf Wissenschaft alles, was sie kann?

Hein: Die Gegenfrage lautet: Wie will man es Wissenschaftlern ernsthaft verbieten, ihre Grenzen immer weiter nach vorne zu verschieben? Es wird darum gehen, dass die Diskurse der Ethik und der Wissenschaft ineinander verflochten bleiben. Viele Erfahrungen, die heute ihr Schreckenspotenzial offenbaren, waren als Segen gedacht und werden auch so wahrgenommen. Ich fürchte, wir werden immer nur versuchen können, Effekte einzudämmen. Es wird immer jemanden geben, der bereit ist, das Letzte zu wagen, um seine Ideen umzusetzen. Wir dürfen nie alles, was wir können, aber wir können leider auch nicht alles, was wir mussten. Sonst brauchten wir keine Ethik.

WM: Wo kann, ja muss Ethik vor allem den Natur- und Lebenswissenschaften Grenzen setzen?

Hein: Auf Lebewesen bezogen müssen die Grenzen gezogen werden, wenn elementare individuelle Lebensinteressen berührt werden. Bezogen auf die unbelebte Materie müssen Grenzen gezogen werden, wenn die Integrität dessen, was wir theologisch Schöpfung nennen, angetastet wird, also das ökologische Funktionsgefüge natürlicher Prozesse. Im Falle der Radioaktivität fallen zum Beispiel beide Aspekte zusammen, in der Gentechnik auch.

WM: Umgekehrt darf wohl auch die Frage gestellt werden, ob nicht auch der Ethik Grenzen gesetzt werden müssen?

Hein: In der evangelischen Ethik ist das so vorgesehen. In ihr ist die Frage nach dem „Nutzen“ sozusagen eingebaut, denn es geht in ihr nicht um das Durchsetzen von Prinzipien und Regeln um ihrer selbst willen, sondern darum, Lebensmöglichkeiten zu eröffnen – so schreibt der Apostel Paulus im 1. Korintherbrief (10,23): „Alles ist erlaubt, aber nicht alles ist nützlich“ –, wobei der Nutzen die Forderung der Lebensmöglichkeiten ist. Das ist für mich auch ein Modell für säkulare Ethik: eine Begrenzung immer sofort mit einer Alternative jenseits der Begrenzung zu verknüpfen. Also: Palliativmedizin statt assistiertem Suizid; alternative Energien statt Ausbau der Atomenergie; wenig qualitativ hochwertiges Fleisch statt Massentierfleisch und so weiter. Dann hat die Ethik ihre Grenze in sich.

WM: Halten Sie ein Wissenschaftsmanagement im Blick auf die Ethik zwischen den natur- und Lebenswissenschaften auf der einen und den unterschiedlichen „Ethiken“ auf der anderen Seite für wünschenswert?

Hein: Auf jeden Fall. Das Problem dabei ist die Entwicklung einer spezifischen Expertise. Mir sind, obwohl ich den Wissenschaftsteil der Zeitungen lese und auch durchaus Fachartikel bewältige, viele Diskurse im Kern der Physik oder auch der Biologie letztlich verschlossen. Andererseits erlebe ich immer wieder, dass vor allem empirisch ausgerichtete Wissenschaftler nur sehr wenig gelernt haben, über die Prinzipien ihres Handelns Auskunft zu geben – wozu auch, das ist nicht ihre Aufgabe. Es ist also vor allem eine methodische, fast schon didaktische Frage, die sich hier stellt.

WM: Gehört das Ringen um eine gemeinsame Ethik in erster Linie in die Universität oder kann hier der Deutsche Ethikrat einen nachhaltigen Einfluss ausüben?

Hein: Diese Frage werde ich erst beantworten können, wenn ich selbst eine Weile mitgearbeitet habe. Aber eines spüre ich deutlich: Wir dürfen die Rolle der Medien und der sozialen Netzwerke für die ethische Willensbildung nicht unterschätzen. Da laufen oft eigene ethische Diskurse mit durchaus partizipatorischem Anspruch, aber eben auch populistische Vereinfachung. Insofern finde ich die Alternative, die in dieser Frage aufgestellt wird, ein wenig schief. Freilich gilt: Der Elfenbeinturm ist der schlechteste Ort für Ethik. Der Ethikrat ist auf Öffentlichkeit hin orientiert.

WM: Stellt der Deutsche Ethikrat so etwas wie das Gewissen der Nation dar?

Hein: Als Protestant habe ich ein streng individuelles Verständnis von „Gewissen“. Das Gewissen aber bindet, nach evangelischem Verständnis, absolut. Der Ethikrat aber ist eben der Ethikrat; er kommuniziert, bewertet und interpretiert ethische Standards. Wie verbindlich er das tut, wird sich je und je entscheiden. Er muss um Plausibilität für seine Position ebenso werben wie alle anderen gesellschaftlichen Institutionen inzwischen auch.

WM: Oder wird der Deutsche Ethikrat zerrieben zwischen den Interessen der Wissenschaften und denen der Politik?

Hein: Nein, er ist ja gerade darum dazwischen angesiedelt. Vergessen dürfen wir auch nicht wirtschaftliche Interessen, die hinter mancher politischen, aber auch wissenschaftlichen Position stehen. Es gehört, um es einmal ein wenig paradox zuzuspitzen, zur Ethik des Ethikrates, das auszuhalten.

WM: Wie frei ist die Ethik von den politischen und gesellschaftlichen Interessen oder bedarf sie gerade an dieser Schnittstelle nicht auch eines Wissenschaftsmanagements im weiten Sinn?

Hein: Ethik ist nie frei von Interessen. Es ist gerade das Wesen des ethischen Diskurses in der Moderne, sich über seine Voraussetzungen zu verständigen. Ethik ist unmittelbar verknüpft mit Kritik im Kantischen Sinn, also mit der Reflexion auf die Bedingung der Möglichkeiten. Eine Rüstungsfirma muss, wenn sie nicht schizophren oder heuchlerisch agieren will, andere ethische Maximen formulieren als eine Friedensinitiative – und das gegebenenfalls sogar auf Grundlage von denselben Prinzipien (zum Beispiel des Schutzes des Lebens).

WM: Welche Themen sollte der Deutsche Ethikrat in 2015 vor allem aufgreifen?

Hein: Aufgabe des Deutschen Ethikrates ist es nach dem Willen des Gesetzgebers, sich eingehend aus unterschiedlichen Zugängen und Perspektiven mit Fragen und Folgenabschatzungen zu befassen. Vor diesem Hintergrund kümmert sich eine Arbeitsgruppe derzeit um die „Ethik im Krankenhauswesen“. Ebenso steht eine Auseinandersetzung mit dem „Big Data“-Problem gerade im medizinischen Bereich an. Und was die weitere Entwicklung der Reproduktionsmedizin betrifft, stellen sich mit der Möglichkeit des „Three-parent Baby“, also eines Kindes mit dem Erbgut von drei Elternteilen, neue Herausforderungen, die auch ethisch bedacht werden müssen.

Foto: medio.tv/Schauderna