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Wissenschaftsregion Lausitz

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Maja Wallstein

Wissenschaftsregionen

Wissenschaftsregion Lausitz

Interview mit Maja Wallstein, MdB und Mitglied im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung

Die Lausitz ist eine Wissenschaftsregion neuen Zuschnitts. Mit der Zusammenlegung der beiden Hochschulen – der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus und der Hochschule Senftenberg – wurde vor gut zehn Jahren das Tor zu einer Neuordnung aufgestoßen. Unternehmen wie etwa Rolls-Royce sind seit langem vor Ort und haben enge Verbindungen zur angewandten Forschung. Nun kommt mit der Gründung des Deutschen Zentrums für Astrophysik (DZA) ein Großforschungszentrum in die sächsische Lausitz. Das war auch eine der Forderungen, die wissenschaftspolitisch mit der Fusion der beiden Hochschulen vor gut einer Dekade verbunden waren: die außeruniversitäre und die universitäre Forschung ausbauen und verknüpfen, damit der Transfer des Wissens in die Anwendung beschleunigt wird.

Foto: Hans-Christian Plambeck

Das DZA-Beispiel zeigt, wie ein Strukturwandel des Braunkohlereviers durch die Entwicklung der wissenschaftlichen Infrastruktur unterstützt wird. Maja Wallstein, Bundestagsabgeordnete der SPD ist mit ihrem Wahlkreis Cottbus & Spree-Neiße in die Entwicklung im südlichen Brandenburg eingebunden. Im Interview reflektiert sie, welche Rolle das Wissenschaftsmanagement im Strukturwandel spielen kann.

Frau Wallstein, war die Fusion der beiden Hochschulen aus heutiger Sicht wichtig und richtig?

Maja Wallstein: Ich war gegen die Zwangsfusion der BTU Cottbus und der Hochschule Lausitz in Senftenberg. Meiner Überzeugung nach ging durch diese Zwangsfusion, die gegen den Willen der Mehrheit der Beteiligten durchgeführt wurden, ein bedeutender und für die Region äußerst wichtiger Teil verloren. Insbesondere der Fachhochschulteil ist dabei unter die Räder gekommen, was man heute konstatieren muss und schon damals befürchtete. Ich habe damals unterstellt, dass das Ziel dieser Maßnahme von Einsparungswillen getrieben war, die Auswirkungen dieser waren bedauerlicherweise negativ. Vor diesem Hintergrund bin ich beeindruckt, wie gut die BTU Cottbus-Senftenberg heute dasteht und bin davon überzeugt, dass das mit den handelnden Personen zusammenhängt, auf allen Ebenen in der Hochschule und auch in ihrem Umfeld.

Konnte die BTU-Cottbus die Hoffnungen, die in sie als Treiber eines wissenschaftlich-wirtschaftlichen Strukturwandels gesetzt wurde, gut zehn Jahre nach der Zusammenlegung erfüllen?

Maja Wallstein: Die Brandenburgische Technische Universität (BTU) hat zahlreiche Hoffnungen erfüllt, wenn auch vielleicht noch nicht alle. Insbesondere im Vergleich zu landesweiten Trends verzeichnet die BTU ein kontinuierliches Wachstum bei den Studienanfänger:innen, was auf ihre umfassenden Strukturwandelvorhaben zurückzuführen ist. Die BTU hat sich als Vorreiterin in diesem Bereich etabliert und zeigt ein beeindruckendes Potenzial. Eine wesentliche Entwicklung war die Gründung des Lausitz Science Networks, bei dem die BTU mit renommierten wissenschaftlichen Partnereinrichtungen, darunter Bundesinstitute und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, zusammenarbeitet. Dieses Netzwerk stärkt die Forschung und Innovation in der Region erheblich. Die Ansiedlung namhafter Unternehmen wie der Deutschen Bahn, die mit einem neuen Bahnwerk ein deutliches Zeichen gesetzt hat, unterstreicht die Attraktivität und das Vertrauen in die BTU und ihre Absolvent:innen.

Besonders erfreulich ist der große Ansturm auf die KI-Studiengänge der BTU Cottbus-Senftenberg, was die hohe Qualität der akademischen Programme belegt und die steigende Nachfrage nach Fachkräften im Bereich künstliche Intelligenz verdeutlicht. Zusätzlich hat die BTU Cottbus-Senftenberg einen bedeutsamen Kooperationsvertrag im Bereich erneuerbare Energien mit dem Qualifizierungsverbund Lausitz für Erneuerbare Energien (QLEE) unterzeichnet. Diese Partnerschaft wird die Forschung und Entwicklung im Bereich erneuerbare Energien vorantreiben und die Lausitz als führende Region in diesem Sektor etablieren. Insgesamt unterstreichen die beeindruckenden Erfolge der BTU Cottbus-Senftenberg in den Bereichen Bildung, Forschung und Wirtschaftsentwicklung ihre aktive Rolle im Strukturwandel der Region. Sie hat sich als eine der dynamischsten Bildungseinrichtungen Deutschlands positioniert, obwohl sie als noch junge Universität weiterhin großes Entwicklungspotenzial hat und ihren Gründungsauftrag, die Lausitz zu stärken und zu gestalten, mit Nachdruck verfolgt.

Wie steht die Region, die Wissenschaft und Wirtschaft eng verzahnt denkt, da?

Maja Wallstein: Was in unserer Region lange Zeit durch die Politik nicht ausreichend verstanden wurde, ist heute nahezu allgemein bekannt: Überall dort, wo Wissenschaft gedeiht, erfährt die Region eine erhebliche Stärkung. Dies kann sich sowohl durch den Zuzug junger Menschen als auch durch wirtschaftliche Impulse, Unternehmensgründungen oder Ansiedlungen manifestieren, ganz zu schweigen von den zahlreichen positiven Nebeneffekten, die damit einhergehen. Insgesamt betrachtet, scheint es mir, dass dies ein Lernprozess der brandenburgischen Politik war. Früher gab es Widerstand und Unsicherheit, aber im Laufe der Zeit hat die Politik erkannt, wie wichtig die Verbindung von Wissenschaft und regionaler Entwicklung ist. Dieser Wandel im Denken und Handeln ist ein positiver Schritt in Richtung einer nachhaltigen und blühenden Zukunft für unsere Region.

Könnten Sie die wissenschaftspolitische Strategie erläutern, die sich am Beispiel der Großprojekte eines Deutschen Zentrums für Astrophysik, einer geplanten Medizinischen Hochschule sowie dem Wissenschaftspark Lausitz zeigt?

Maja Wallstein: Die vorliegende Strategie basiert auf der festen Annahme und wissenschaftlichen Erkenntnis, dass die Anwesenheit von Wissenschaft, ob Hochschule oder Außeruniversitäre Forschungseinrichtung einen nachweislich positiven Einfluss auf Wirtschaft und insgesamt regionale Strukturentwicklung hat. Im Vergleich zu Westdeutschland gibt es im Osten relativ wenige solcher Großprojekte oder außeruniversitären Forschungsleuchttürme. Dies ist in gewisser Hinsicht eine politische Entscheidung, die jedoch nicht aus dem Nichts kommt. Es gibt einen klaren politischen Willen von Bund und Land hier besser zu werden und dabei die Identität der Region als Energieregion auch im Forschungsbereich zu wahren. Somit sind diese Entscheidungen auch keine „auf der grünen Wiese“, weil es in der Region bereits das Know-how, als auch – dank der BTU – die richtigen Netzwerke gibt.

Das Deutsche Zentrum für Astrophysik (DZA) plant, sich als ein bedeutendes Großforschungszentrum von internationaler Bedeutung in Görlitz und im Kreis Bautzen zu etablieren. Die Ziele des DZA umfassen die Förderung von ressourceneffizienter Digitalisierung, die Entwicklung neuer Technologien, die Schaffung von Möglichkeiten für den Wissensaustausch und die Bereicherung der Perspektiven für die Region. Hierbei wird eine enge Zusammenarbeit mit der sächsischen Lausitz angestrebt, und das Zentrum wird fest in dieser Region verankert sein. Die Medizinische Hochschule in Cottbus hat ebenfalls ehrgeizige Pläne, um neue Bereiche mit Alleinstellungsmerkmalen zu entwickeln. Dies wird nicht nur der Region zugutekommen, sondern auch dem gesamten deutschen Wissenschaftsstandort dienen.

Hat das Wissenschaftsmanagement in diesem Strukturwandel eine Funktion und Rolle?

Maja Wallstein: Wissenschaftsmanagement erfüllt stets eine grundlegende Funktion, die, wie ich behaupten würde, nicht spezifisch für diesen Fall ist, sondern eine allgemeine Aufgabe darstellt. Es geht darum, wissenschaftliche Institutionen zu organisieren und sie mit ihrer regionalen Umgebung zu vernetzen. Dies ist von entscheidender Bedeutung, um eine effektive Kommunikation zu gewährleisten, die Erwartungen zu managen und eine Schnittstelle zur politischen Arena herzustellen. Die Vernetzung von Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Wissenschaft ist in diesem Kontext von besonderer Bedeutung. Zusammengefasst hat das Wissenschaftsmanagement das übergeordnete Ziel, wissenschaftliche Einrichtungen effizient und nachhaltig zu führen, um die Forschung und Lehre zu fördern, die Qualität zu steigern und somit einen Beitrag zur Weiterentwicklung von Wissenschaft und Gesellschaft zu leisten. Dies erfordert eine breite Palette von Fähigkeiten, angefangen bei der strategischen Planung bis hin zur operativen Umsetzung und Koordination verschiedenster Aktivitäten. Es handelt sich um eine vielschichtige Aufgabe, die eine ausgeprägte interdisziplinäre Herangehensweise und eine enge Zusammenarbeit mit verschiedenen Akteuren erfordert.

Welche gesellschaftlichen Veränderungen stehen der Region insgesamt bevor, die traditionell vom Braunkohletagbau geprägt ist? Bringen Studierende Impulse? Eröffnen Firmen neue Kompetenzzugänge, von denen die Arbeitskräfte profitieren?

Maja Wallstein: Es sind vor allem die positiven gesellschaftlichen Veränderungen, die bereits heute sichtbar sind, aber auch solche, die der Region noch bevorstehen. Ich gehe davon aus, dass zu den gewünschten positiven Effekten auch noch Wachstumsschmerzen auf die Region zukommen, die man schon jetzt ins Auge fassen muss. Wohnungsbau, der Bau von sozialer Infrastruktur wie Kitas und Schulen – das sind Aufgaben, die den Kommunen noch bevorstehen. Auf der einen Seite ist deutlich zu erkennen, dass die Region immer attraktiver wird und bereits jetzt lebendiger ist. Dies ist das Ergebnis eines klaren politischen Willens, den Strukturwandel in der Lausitz erfolgreich zu gestalten. Es manifestiert sich in klaren Zeichen und finanzieller Unterstützung, sowohl vonseiten des Bundes als auch von den Ländern. Einzelne engagierte Personen setzen sich entschlossen für diesen Wandel ein und sind bereit, völlig neue Wege zu beschreiten. Gleichzeitig wird das vorhandene Know-how genutzt, um sicherzustellen, dass die Lausitz ihre Position als Energieregion, insbesondere im Bereich erneuerbare Energien, behält. Studierende sind immer eine Quelle für frische Impulse. Je attraktiver ein Standort und eine Hochschule werden, desto mehr Studierende zieht es an. Dies bereichert die Gesellschaft auf vielfältige Weise.

Allerdings sind auch Ängste und Bedenken vor Veränderungen spürbar. Daher ist es von entscheidender Bedeutung, dass Politiker und andere Akteure in der Region effektiv kommunizieren, behutsam erläutern und Erwartungsmanagement betreiben. Es ist wichtig, realistische Erwartungen zu setzen, um Enttäuschungen zu vermeiden, die durch möglicherweise verzögerte wirtschaftliche Effekte oder Verbesserungen hervorgerufen werden können. Eine zu hohe Erwartungshaltung kann leicht zu Frustration führen. In dieser Hinsicht gibt es bereits beeindruckende Entwicklungen. Unternehmen wie der globale Investor Hy2Gen expandieren in die Lausitz und eröffnen Büros auf dem klimaneutralen Industriegebiet Green Areal. Die Ansiedlung von Universitäten und die Stärkung der BTU machen die Lausitz besonders attraktiv für Unternehmen und Gründerinnen und Gründer. Dies ist ein vielversprechender Schritt in Richtung einer prosperierenden Zukunft für die Region, die wir künftig nicht mehr nur Lausitz nennen werden, sondern WOWsitz!

Was muss die Wissenschaft – die die Ausbildung von jungen Menschen sicherstellt, neue Forschungserkenntnisse der Gesellschaft zur Verfügung stellt und die Region neu auf die Weltkarte bringt – bis 2030 leisten? Und was müssen Politik und Zivilgesellschaft der Wissenschaft im Gegenzug anbieten?

Maja Wallstein: Die Wissenschaft spielt eine entscheidende Rolle, indem sie Erkenntnisse generiert und gleichzeitig daran arbeitet, diese Erkenntnisse in die Praxis zu übertragen. Eine hochwertige Wissenschaftskommunikation ist dabei von größter Bedeutung, um sicherzustellen, dass die gewonnenen Erkenntnisse der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden und ihr Nutzen verständlich wird.

Auf der anderen Seite liegt die Verantwortung bei Politik und Zivilgesellschaft. Sie müssen für eine stabile Planungsumgebung sorgen, damit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die nötige Sicherheit haben, um langfristige Projekte zu verfolgen. Dies ermöglicht es der Wissenschaft, ihr volles Potenzial auszuschöpfen und bahnbrechende Forschung durchzuführen. Ebenso wichtig ist die Anerkennung und Wertschätzung der Arbeit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Diese Anerkennung sollte nicht nur in finanzieller Hinsicht erfolgen, sondern auch durch eine öffentliche Anerkennung der Bedeutung ihrer Arbeit für die Gesellschaft. Wenn die Gemeinschaft die Wissenschaft schätzt und unterstützt, wird die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft gestärkt, was wiederum zu positiven Ergebnissen für die gesamte Gesellschaft führt.

 

Maja Wallstein ist Wissenschaftsmanagerin und Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Cottbus & Spree-Neiße.