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Ein Zeichen zur rechten Zeit

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Jens Rehländer

Wissenschaftskommunikation II

Ein Zeichen zur rechten Zeit

Die FactoryWisskomm könnte doch noch der Ausgangspunkt zu etwas Großem, Neuen werden

Im Juni 2021 präsentierte die FactoryWisskomm ihre Handlungsperspektiven. 150 Fachleute hatten im Auftrag der damaligen Bundesministerin Anja Karliczek an der Weiterentwicklung der Wissenschaftskommunikation gearbeitet. Der Prozess geriet in das Konfliktfeld von Wissenschaft und Politik. Und die Empfehlungen wirken angesichts der aktuellen Herausforderungen allzu harmlos. Trotzdem könnte die FactoryWisskomm der Auftakt zu etwas Neuem sein – wenn die Beteiligten mit Tempo am Ball bleiben.

Foto: Philip Bartz für VolkswagenStiftung

Dirk Tunger hat im Portal der Zeitschrift Wissenschaftsmanagement (9. Dezember 2021) den Ergebnisband des PUSH-Symposiums (1999) mit dem der FactoryWisskomm (2021) in einer quantitativen Sprachanalyse verglichen. Zwei seiner Aussagen erscheinen mir hervorhebenswert: Im Vergleich mit der PUSH-Dokumentation ist das Factory-Wisskomm-Papier deutlich komplexer formuliert, der Anteil langer Wörter ist sehr hoch. Und in puncto Verständlichkeit landet der Factory-Bericht weit abgeschlagen hinter PUSH; auf der Skala des Flesch-Index, so Tunger, seien 60 Punkte wünschenswert, PUSH erreiche 51, die Factory dagegen nur 14 Punkte. Eines seiner Resümees, bezogen auf den Factory-Bericht: „Um zu verdecken, dass das Dokument weniger konkrete Inhalte enthält, wählt man eine komplizierte Sprache, um dies zu kaschieren.“

FactoryWisskomm im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik
Dass die Wissenschaft dazu neigt, Texte mit großer Hingabe unnötig zu verkomplizieren, ist keine Neuigkeit. Ein akademischer Standardtext, schreibt Tunger, „zieht sich wie Gummi und man empfindet ihn als nichtssagend.“ Dass es auch dem FactoryWisskomm-Bericht an begrifflicher Zugkraft mangelt, ist leicht zu erklären: Unter dem Druck der großen Wissenschaftsorganisationen wurde das Papier so lange zurecht redigiert, bis es ausreichend unverbindlich war.

In der polierten Version ist jetzt zum Beispiel das Reizwort „Selbstverpflichtung“ getilgt. Mit dieser Formulierung wollte das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) anfangs dem von ihm selbst initiierten Prozess eine gewisse Verbindlichkeit verleihen. Das Wissenschaftssystem sollte in die Pflicht genommen werden, Empfehlungen der FactoryWisskomm in die Praxis umzusetzen. Auch das ursprünglich geplante „Mission Statement“, das als Zeichen zum neuen Aufbruch auf breiter Front geplant war, zwei Jahrzehnte nach dem PUSH-Memorandum, wurde im Redaktionsprozess zur obligatorischen „Einleitung“ degradiert. Und der „Aktionsplan“, den sich die damalige BMBF-Ministerin Anja Karliczek als Meilenstein ihrer Amtszeit gewünscht hatte, wurde zu den üblichen „Handlungsperspektiven“ domestiziert. Es ist bedauerlich, aber beim Blick auf den Abschlussbericht dürften sich vor allem die Beharrungskräfte im Wissenschaftssystem gefreut haben: Um die „Handlungsempfehlungen“ der sechs Arbeitsgruppen kann man sich kümmern. Man kann es aber auch sein lassen.

Nein, das von vielen Akteur:innen erhoffte „PUSH II“ ist das Papier nicht geworden. In Zeiten von Querdenkern und alternativen Fakten, wachsender Wissenschaftsskepsis in Politik und Medien und der Bedrohung von Forschenden online wie offline, hätte man sich ein Signal gewünscht für eine wehrhafte Wissenschaftskommunikation, solide verankert im Wertesystem der Wissenschaftslandschaft und in der Hierarchie der Organisationen. Stattdessen wurde, wieder einmal, viel geforscht, viel diskutiert – und nichts bewegt.

Damit wir uns nicht missverstehen: Das BMBF ist für seinen Anstoß ausdrücklich zu preisen und allen Mitwirkenden sind Respekt und Wertschätzung zu zollen für ihr aufrichtiges Bemühen, die „Handlungsperspektiven“ zu kondensieren. Aber wenn sich am Ende niemand in den Präsidien, Leitungsebenen und Gremien verantwortlich fühlt, für konkrete Anwendung zu sorgen, bleibt die Veränderung aus. Und ich fürchte, dies ist nun die Realität: Der schön gestaltete Factory-Ringordner mit 93 Seiten steht in den Regalen der Republik. Vielleicht neben dem „Positionspapier zur Wissenschaftskommunikation“, das der Wissenschaftsrat, kaum war die FactoryWisskomm beendet, im Oktober 2021 seinerseits nachgereicht hat – nochmal 100 Seiten über alles, was wir schon längst wissen. Noch mal eine Grundsatzanalyse ohne praktische Wirkung. Folgenlos wie die auch noch im Regal verstaubenden „Empfehlungen zur Gestaltung der Kommunikation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und den Medien“, mit der eine große Arbeitsgruppe im Auftrag von acatech, Leopoldina und Akademien-Union 2014 ein Strohfeuer in der Community entzündet hatte. Es war, was die Folgen anlangt, am Tag nach der Präsentation erloschen.

Die Fragen liegen auf der Hand: Warum ist das so? Wer steht wem im Weg und verhindert die konstruktive Weiterentwicklung der selbstvermittelten Wissenschaftskommunikation? Und aus welchen Motiven?

Fazit
Aus gutem Grund hat Alarmismus in der Wissenschaft keine Lobby. Schnellschüsse sind ihrem Wesen und ihren Verfahren fremd. Trotzdem sollte allen klar sein: Wenn das Wissenschaftssystem seine Kompetenzen nicht viel zielorientierter und dynamischer weiterentwickelt als bislang, droht es an Deutungsmacht, Integrität und Sichtbarkeit zu verlieren. Es stimmt zwar: Noch ist, allen Querdenkern zum Trotz, kein Vertrauensverlust der Bevölkerung in die Wissenschaft statistisch nachweisbar. Aber es gibt keine Garantie dafür, dass das nächstes Jahr noch genauso ist.

Die neue Führung im BMBF sollte das Projekt FactoryWisskomm nicht ad acta legen, nur weil man es nicht selbst angestoßen hat. Es lohnt sich, die Ergebnisse vor dem Hintergrund aktueller Herausforderungen an die Wissenschaftskommunikation zu aktualisieren und eine Steuerungsgruppe zu bilden, die Umsetzungen plant, priorisiert und bei der Umsetzung von einem breiten institutionenübergreifenden Bündnis konstruktiv unterstützt wird. Auf diese Weise könnte die FactoryWisskomm doch noch der Ausgangspunkt zu etwas Großem, Neuen werden. Ein Zeichen zur rechten Zeit, das uns vor amerikanischen Verhältnissen bewahrt.

  • Der komplette Beitrag ist im ► Onlineshop von Lemmens Medien erhältlich. Den Abonnenten der Zeitschrift Wissenschaftsmanagement steht der komplette Beitrag in ihrem Account zum kostenlosen Download zur Verfügung.

Jens Rehländer ist Leiter der Stabsstelle Kommunikation in der VolkswagenStiftung. In der FactoryWisskomm wirkte er in der AG „Wissenschaftsjournalismus im digitalen Zeitalter“ mit.

Foto: Philip Bartz für VolkswagenStiftung