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Corona und die deutsche Sprachentwicklung

news

Annette Klosa-Kückelhaus

Sprachwissenschaft

Corona und die deutsche Sprachentwicklung

Von Abendlockdown bis Zweitimpfling

Selten zuvor hat ein Ereignis in der Welt so direkt und für viele Menschen unmittelbar spürbar Einfluss auf den Wortschatz des Deutschen gehabt wie die Coronapandemie. Fast täglich konnte man ab Frühjahr 2020 neuen Wortschatz im Radio oder Fernsehen hören und in Zeitungen, Zeitschriften oder Beiträgen in den Sozialen Medien lesen. Zugleich sind zahlreiche medizinische und epidemiologische Fachausdrücke in den Allgemeinwortschatz eingegangen. Welche Spuren dieses dynamischen Wandels in Lexikon und Kommunikation auf lange Sicht in unserer Sprache zu finden sein werden, ist eine offene Frage, auf die die Sprachwissenschaft erst in den nächsten Jahrzehnten eine Antwort wird geben können. Erste Tendenzen aber zeichnen sich schon heute ab.

Foto: IDS Mannheim

Aus linguistischer Sicht hat der Einfluss der Coronapandemie auf das Deutsche durchaus positive Aspekte, denn der Ausbau des Lexikons erfolgte schnell, kreativ und in nennenswertem Umfang, worauf die Publikation erster Glossare für diesen Wortschatzausschnitt im Frühjahr 2020 hinweist (etwa Neologismenwörterbuch 2020-heute [aus dem alle im Text genannten Beispiele stammen], DWDS Themenglossar zur COVID-19-Pandemie 2020–2021). Dies ist im Übrigen kein Einzelfall, sondern Sprachen (und natürlich nicht nur das Deutsche, sondern alle Sprachen, vergleiche zum Beispiel Tittula/Gautier/Taborek 2020 zum Finnischen, Französischen und Polnischen) reagieren immer auf Entwicklungen in der Welt, indem neuer Wortschatz entsteht, fachsprachliche Termini auf einmal außerhalb ihrer Domäne verwendet werden und eigentlich ganz unauffällige, allgemeinsprachige Wörter plötzlich deutlich häufiger oder deutlich seltener vorkommen als zu anderen Zeiten. Um zu neuen Gegebenheiten beziehungsweise ganz allgemein zu Neuem in der Welt kommunizieren zu können, ist eine gewisse Dynamik des Lexikons nötig und daher normal.

Besonders rasche Veränderungen, wie sie während der Coronapandemie zu beobachten waren, können bei Sprecher: innen aber auch Verunsicherung hervorrufen. Dies sieht man deutlich daran, dass parallel zu den Wortschatzentwicklungen selbst ein (medialer, sicher aber auch privater) Diskurs hierüber geführt wurde (diskurslinguistische Untersuchungen zu verschiedenen Phänomenen finden sich beispielweise in Wengeler/Roth 2020, mit medialen Dimensionen der Sprache in der Coronakrise beschäftigen sich Beiträge in Standke/Topalović 2021).

Namen für das Virus und seine Varianten

Selbst die Weltgesundheitsorganisation WHO hat sich in die sprachliche Diskussion eingebracht, indem sie einen Vorschlag zur Benennung der als besorgniserregend eingestuften Varianten („variants of concern“) und der Varianten unter Beobachtung („variants of interest“) des SARS-CoV-2-Virus vorgelegt hat: „These labels do not replace existing scientific names […], which convey important scientific information and will continue to be used in research. While they have their advantages, these scientific names can be difficult to say and recall, and are prone to misreporting. As a result, people often resort to calling variants by the places where they are detected, which is stigmatizing and discriminatory. To avoid this and to simplify public communications, WHO encourages national authorities, media outlets and others to adopt these new labels.“ (www.who.int; 10.06.2021).

Bestimmte Namen, beispielsweise südafrikanisches Virus oder indisches Virus, werden also als „stigmatisierend und diskriminierend“ eingeschätzt und sollen daher durch neutrale Benennungen wie Beta beziehungsweise Delta ersetzt werden. Wie gut dieser Versuch, den Sprachgebrauch zu lenken, tatsächlich funktioniert hat, wäre anhand geschrieben- wie gesprochensprachlicher digitaler Textsammlungen noch zu untersuchen. Dabei verändert sich das Lexikon in diesem Bereich stetig weiter. Seit Sommer 2022 sind nicht nur zahlreiche neue Virusvarianten gefunden worden, sondern hierzu ist auch ein neuer Benennungstyp entstanden: Erstmals werden den Varianten Namen von mythologischen Gestalten gegeben, zum Beispiel Centaurus oder Cerberus.

Im Herbst 2022 spielt dieser Name allerdings in den deutschsprachigen Zeitungsmedien keine große Rolle mehr und auch andere neue Namen wie etwa Cerberus (für die BQ.1.1-Variante des Coronavirus) finden kaum Widerhall, wie Abbildung 2 anhand des zeitlich jeweils eng eingegrenzten Vorkommens beider Namen in den RSS-Feeds von 13 deutschsprachigen Onlinequellen illustriert. Im Fall von Cerberus lässt sich dies auch damit begründen, dass zugleich die Benennung Höllenhundvariante auftaucht, die deutlich zeigt, dass mit der Verwendung von Cerberus eine negative Konnotation einhergeht. In der Berichterstattung zum Vordringen dieser neuen Variante wird unter anderem danach gefragt, wie gefährlich diese Variante wirklich sei, und in Tweets wird Nutzern dieses Wortes vorgeworfen, sie würden es bewusst wählen, um Angst zu schüren.

Bildhafte Sprache: Wellen und Stürme

Den meisten Sprachteilhabenden ist vertraut, dass in Bezug auf Infektionsgeschehen von Wellen gesprochen wird: So wird etwa jährlich im Herbst vor der herannahenden Grippewelle gewarnt. Von Wellenbewegungen spricht man außerdem mit Bezug auf die Konjunktur. Dabei wird die Auf- und Abbewegung der Wasseroberfläche übertragen auf das in einem bestimmten Zeitraum messbare höhere oder auch wieder niedrigere Vorkommen von etwas (wie Infektionszahlen, Hospitalisierungen oder Kündigungen, Insolvenzen). Solche bildhaften, also metaphorischen Verwendungen sind in der Sprache rund um die Coronakrise häufiger zu beobachten. Seit Beginn der Pandemie haben nicht nur mehrere große Infektionswellen massive Auswirkungen gehabt, in Folge waren auch Konkurs-, Insolvenz-, Pleite- oder Entlassungswellen zu verzeichnen.

Eine Reihe von Zusammensetzungen mit Virus beziehungsweise Viren als Erstglied und metaphorisch gebrauchten Zweitgliedern verdeutlichen, dass das SARS-CoV-2-Virus als Kern des Übels dieser Pandemie verstanden wird, vergleiche Virusfront, Viruswolke beziehungsweise Virenbarriere, Virenbombe, Virenfront, Virenherd, Virenschleuder. Man kann diese Bildungen so interpretieren: Das Virus bedroht die Menschen in Wolken anfliegend und wird über eine Schleuder verbreitet oder explosionsartig wie bei einer Bombe freigesetzt. Deshalb wird an einer Front und mithilfe von Barrieren dagegen angekämpft, damit neue Entstehungsherde möglichst gelöscht werden können.

Coronawörter = Anglizismen?

Bei vielen Sprachteilhabenden hat die während der Coronapandemie zu beobachtende Veränderung des deutschen Lexikons eine Sorge verstärkt, die auch außerhalb dieses Kontextes zu finden ist, nämlich die Sorge darum, dass das Deutsche vor allem durch die Übernahme von Anglizismen ausgebaut und dadurch in negativer Weise verändert wird. Die vielen in diesem Text bereits genannten Beispiele an Neologismen aus dem Coronakontext zeigen, dass diese Sorge unbegründet ist: Der größte Teil der zu verzeichnenden Neubildungen sind ganz normale deutsche Zusammensetzungen (näher hierzu Benter/Dabóczi 2021). Dass Deutsche wird also nicht, so zumindest der linguistische Befund, durch Anglizismen „infiziert“, „verseucht“ oder „kaputt gemacht“, um auf die eingangs genannten Überschriften zur Illustration des möglichen Einflusses der Pandemie auf die Sprache zurückzukommen.

Fazit

Deutlich wird an allen diskutierten Aspekten: Sprachentwicklung in Coronazeiten ist vor allem die Weiterentwicklung des Wortschatzes (vergleiche hierzu im Einzelnen die Beiträge in Klosa-Kückelhaus 2021), der nicht nur durch Entlehnungen und zahlreiche Neubildungen ausgebaut wurde und wird, sondern aus dem auf einmal auch ganz vertraute Wörter in den Fokus der Verwendung rücken (beispielsweise Nudeln und Klopapier) und andere zumindest in der medialen Berichterstattung zeitweise zurückgedrängt werden konnten und können (zum Beispiel Flüchtlinge, Spielergebnis). Daneben haben sich neue Begrüßungsrituale (Ellenbogengruß und andere) oder Abschiedsformeln (Bleiben Sie gesund/Bleib gesund) sowie neue Emojis für die Kommunikation in den sozialen Medien etabliert. Im öffentlichen Raum haben außerdem viele neue Schilder oder Piktogramme, etwa solche, welche auf die Notwendigkeit zum Abstandhalten hinweisen, die Pandemie begleitet, die ebenfalls zumindest teilweise sprachlichen Äußerungen zuzurechnen sind und linguistisch untersucht werden. Nur Auswirkungen auf die deutsche Grammatik sind bislang nicht beobachtet worden, allerdings verändert sich die Grammatik einer Sprache generell deutlich langsamer als der Wortschatz. Es ist Aufgabe der linguistischen Forschung, die weiteren Entwicklungen zu beobachten, zu untersuchen und zu dokumentieren sowie ihre Ergebnisse angesichts des großen Interesses der Sprachgemeinschaft an diesen Themen auch weiterhin in geeigneter Form an die allgemeine Öffentlichkeit zu kommunizieren.

 

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Dr. Annette Klosa-Kückelhaus ist Leiterin des Programmbereichs „Lexikographie und Sprachdokumentation“ am Leibniz-Institut für Deutsche Sprache, Mannheim.

Foto: IDS Mannheim