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Änderung in Sicht?

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Julia Jerke, Antonia Velicu und Heiko Rauhut

Wissenschaftlicher Nachwuchs

Änderung in Sicht?

Wie steht es um den wissenschaftlichen Nachwuchs im deutschsprachigen Hochschulraum? Eine Analyse der wahrgenommenen Arbeitsbedingungen

Im Juli 2018 veröffentlichte das deutsche Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) einen kurzen Erklärfilm, in dem das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) anhand der beruflichen Laufbahn der fiktiven Forscherin Hanna erläutert wird. Die Selbstverständlichkeit befristeter Arbeitsverträge nach dem WissZeitVG wird dabei mit einer sonst drohenden Verstopfung im akademischen Mittelbau begründet. Dieses Video löste eine bis heute anhaltende Welle des Protests unter Forschenden aus und ging auch unter dem Hashtag #ichbinhanna viral. Auch in den Nachbarländern Österreich und der Schweiz sind Forschende mit Petitionen aktiv geworden, in denen sie mehr Festanstellungen und eine Reformierung prekärer Arbeitsbedingungen fordern.

Wissenschaftsmanagement - Entscheiden.Führen.Gestalten

Stein des Anstoßes dieser Initiativen ist eine Besonderheit der Hochschulen als Arbeitgeberinnen. Grundsätzlich gelten auf dem Arbeitsmarkt verschiedene Gesetze, die Arbeitszeiten und Befristungen der Arbeitsverträge regeln. Während in den allermeisten Branchen die Aneinanderreihung von befristeten Arbeitsverträgen gesetzwidrig ist (siehe in Österreich das Verbot der Kettenbefristung oder in der Schweiz Art. 16a Abs. 2 PG, welcher befristete Verträge auf maximal fünf Jahre beschränkt), ist dies in der Wissenschaft jedoch gesetzeskonform und wird explizit unterstützt (siehe deutsches WissZeitVG, österreichisches UG und beispielhaft für Schweizer Recht die Universitätsverordnung des Kanton Berns Art. 51 Abs. 1). Begründet werden diese Regelungen unter anderem mit dem Innovationsanspruch der Universität und einer – diesem vermeintlich entgegenstehenden – „Verstopfung” wissenschaftlicher Qualifikationsstellen durch unbefristete Anstellungen. Stetig neue Köpfe sollen neuen Schwung in die Forschung bringen. Diese Gesetzgebung versinnbildlicht damit die Sonderrolle von Universitäten als Orte der Wissensproduktion, der Innovation und des gesellschaftlichen Fortschritts.

 

Der wissenschaftliche Nachwuchs steht unter Druck

Für den wissenschaftlichen Nachwuchs hat dies spürbare Konsequenzen. Junge Forschende sehen sich mit einer großen Konkurrenz konfrontiert und stehen insbesondere durch die Verknappung unbefristeter Stellen unter einem enormen Druck zu Publizieren und Forschungsgelder einzuwerben; letzteres nicht nur um die Chancen auf eine Professur zu erhöhen, sondern auch um die anrechenbare Zeit auf die maximale Befristungsdauer zu reduzieren, denn bei durch Drittmittel erworbene Stellen kommt eine andere Rechnung zum Tragen.

 

Karrierepfade in der Wissenschaft sind generell durch viele Barrieren charakterisiert und enden nur selten in einer Professur oder anderweitig unbefristeten Stelle. Mit den Befristungsregelungen im deutschsprachigen Hochschulraum (DACH) kommt eine weitere Hürde hinzu: die Zeit, um den Sprung auf die begehrte Professur zu schaffen, ist begrenzt. Dadurch kommen Forschende nicht umhin, bereits früh in ihrer Promotionsphase Vorkehrungen für die Phase nach abgeschlossener Promotion zu treffen.

Zunehmender Widerstand gegen die Befristungsobergrenze

Problematisch an diesen einschränkenden Befristungsregeln ist dabei nicht nur, dass sie die akademische Karriere mit einem Ablaufdatum versehen, sondern auch, dass es neben der Professur keine nennenswerten alternativen langfristigen Karrierewege innerhalb der universitären Forschung gibt. Denn im Gegensatz zu den Hochschulsystemen anderer europäischer Länder sind im deutschsprachigen Hochschulraum neben der Professur im Allgemeinen keine weiteren unbefristeten Dauerstellen vorgesehen (Kreckel/Zimmermann 2014).

Wie bewertet der wissenschaftliche Nachwuchs in den drei Ländern die Arbeitsbedingungen?

All diese Überlegungen legen die Frage nach dem Ausmaß der Unzufriedenheit des wissenschaftlichen Nachwuchses in der DACH-Region mit den Arbeitsbedingungen an den Hochschulen nahe. Ein umfangreiches Stimmungsbild liefert eine im Frühjahr 2020 durch das Team um Professor Dr. Heiko Rauhut an der Universität Zürich durchgeführte Befragung des wissenschaftlichen Personals in Deutschland, Österreich und der Schweiz (Zurich Survey of Academics, Rauhut et al. 2021). Insgesamt wurden fast 16.000 Forschende befragt (Deutschland: 8.182, Österreich: 2.771, Schweiz: 4.825). Der Fragebogen enthielt unter anderem Fragen zur Einschätzung der Arbeitsbelastung und der Entlohnung, zu Aufstiegs- und Weiterbildungsmöglichkeiten, zum Publikationsdruck und Wettbewerb sowie zum Arbeitsklima.

To be-frist or not to be-frist: Postdoktorierende im Fokus

Die aktuelle Debatte dreht sich im Kern um die Frage, ob und wie dem wissenschaftlichen Nachwuchs langfristige Perspektiven innerhalb der Wissenschaft ermöglicht werden können. Doch wie steht es um die Befristungen der im Zurich Survey of Academics befragten Forschenden? Professorinnen und Professoren haben, wenig überraschend, vor allem unbefristete Verträge. Lediglich 14 Prozent von ihnen sind befristet angestellt. Bei den Doktorierenden ist es umgekehrt, denn nur neun Prozent von ihnen haben einen unbefristeten Vertrag. Bei den Postdoktorierenden zeigen sich wiederum einige Unterschiede zwischen den drei Ländern, weshalb diese nachfolgend genauer betrachtet werden.

Gehen unbefristete Verträge mit einer höheren Zufriedenheit einher?

In der Beurteilung der Arbeitsbedingungen zeigen sich außer bei der Wahrnehmung der Konkurrenz sowie dem Druck zu Publizieren und Drittmittel einzuwerben keine großen Unterschiede zwischen Postdocs auf befristeten und unbefristeten Stellen. Auch wenn die Arbeitsbedingungen von Postdocs mit befristeten Verträgen im Detail nicht wesentlich schlechter bewertet werden, geben sie insgesamt an, unzufriedener zu sein. Dies betrifft sowohl die allgemeine Zufriedenheit als auch die Zufriedenheit mit der Vereinbarkeit von Arbeit und Familie. Zudem wird die Zufriedenheit mit der Arbeit von Postdocs, die unbefristet angestellt sind oder zumindest die Aussicht auf Entfristung haben, besser beurteilt.

Änderung in Sicht?

Die Protestbewegung rund um #ichbinhanna mag nicht notwendigerweise der Auslöser weitreichender politischer Debatten über das deutsche Wissenschaftszeitvertragsgesetz gewesen sein. Sie hat aber zumindest die Aufmerksamkeit auf sie gelenkt. In ihrem Koalitionsvertrag (2021–2025) hat sich die aktuelle deutsche Bundesregierung das Ziel gesetzt, die Arbeitsbedingungen an den Universitäten zu verbessern. Im Juni 2022 fand die erste Konferenz im BMBF anlässlich der Reformierung des umstrittenen Gesetzes statt und im September ist der Thematik „Perspektiven für Hanna” zudem eine mehrtägige Wissenschaftskonferenz gewidmet (vergleiche Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft 2021). Ziel ist es, eine Balance zwischen der universitär notwendigen Flexibilität und der arbeitsrechtlichen Sicherheit ihrer Angestellten zu finden. Insbesondere die Anstellungen der Postdoktorierenden sollen reformiert werden und Positionen neu auf Basis der ausgeübten Tätigkeit definiert werden. Konkret ist von einer Einführung eines höheren Anteils von Dauerstellen unterhalb der Professur (Dauerstellen für Daueraufgaben) sowie mehr (Assistenz-) Professuren mit erhöhten Chancen auf Entfristung (sogenannte tenuretracks) die Rede.

Fazit

Die Wissenschaftslandschaft des Hochschulraums der DACH-Region befindet sich ohne Frage im Wandel. Die bereits angestoßenen Initiativen demonstrieren den Reformwillen und haben dabei insbesondere die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses im Fokus. Ein Blick in die Nachbarländer Frankreich, England und die Niederlande zeigt, dass das Wissenschaftssystem auch unter anderen Bedingungen funktionieren kann. In diesen Ländern gibt es neben der Professur weitere akademische Dauerstellen oder Stellen mit Entfristungsmöglichkeit: in Frankreich zum Beispiel die Maîtres de Conférences, in England die (Senior) Lecturer und (Senior) Researcher und in den Niederlanden die in der Regel unbefristeten Assistenzprofessuren (Kreckel 2016). Diese Länder und ihre Hochschulsysteme werden für den wissenschaftlichen Nachwuchs des deutschsprachigen Raums zunehmend attraktiver, indem sie ihnen Stabilität und langfristige Perspektiven ermöglichen Die in der DACH-Region vorherrschende Angst vor der Verstopfung des Mittelbaus könnte somit dazu führen, dass viele, die hier hochqualifiziert wurden, ins Ausland gehen. Es bleibt noch offen, ob die geplanten Reformierungen dem entgegensteuern können.

 

  • Der komplette Artikel ist im Onlineshop von Lemmens Medien erhältlich. Den Abonnenten der Zeitschrift Wissenschaftsmanagement steht der gesamte Beitrag in ihren Accounts zum kostenlosen Download zur Verfügung.

 

Dr. Julia Jerke ist Projektmitarbeiterin im Zurich Survey of Academics und hat an dessen Konzeption mitgewirkt. Sie arbeitet zudem in der Strategieabteilung des Schweizerischen Nationalfonds.

 

Antonia Velicu ist Projektmitarbeiterin im Zurich Survey of Academics und hat an dessen Konzeption mitgewirkt.

 

Prof. Dr. Heiko Rauhut ist Professor für Sozialtheorie und Quantitative Methoden an der Universität Zürich. Im Rahmen seines SNF Starting Grants Social norms, cooperation and conflict in scientific collaborations leitet er das Zurich Survey of Academics.