Termine

Bundeswissenschaftswoche

Wichtige Termine der Forschungs- und Hochschulpolitik in Deutschland – Ein Service von lemmens online

Aktuelle Termine

Newsletter

Mit unserem Newsletter immer auf dem Laufenden.

Newsletteranmeldung

Archiv

Das Archiv bietet Ihnen ältere Ausgaben aus den Jahrgängen 2003 bis 2015 der Zeitschrift Wissenschaftsmanagement im PDF-Format kostenlos zum Download.

Zum Archiv

Themendiskussion

Diskutieren Sie unsere Themen oder schlagen Sie uns Themen für die nächsten Ausgaben vor.

Themen diskutieren
Themen vorschlagen

Aktuelle Ausgaben
Wissenschaftsmanagement Ausgabe 3/2017
Schwerpunkt:
Hochschulmanagement & Hochschulforschung
Wissenschaftsmanagement Ausgabe 2/2017
Schwerpunkt:
Ausgründung und Transfer in Deutschland
Wissenschaftsmanagement Ausgabe 1/2017
Schwerpunkt:
Optimierung der Rahmenbedingungen für F&E-Projekte
Wissenschaftsmanagement Ausgabe 6/2016
Schwerpunkt:
Change: Chancen und Grenzen des Einzelnen
Wissenschaftsmanagement Ausgabe 5/2016
Schwerpunkt:
Wissenschaftsjournalismus & Wissenschaftsmanagement
Wissenschaftsmanagement Ausgabe 4/2016
Schwerpunkt:
Perspektiven 2017+
special

State of the Art - Wissenschaftsmanagement für Institute, Hochschulen und Forschung

Wissenschaftsmanagement special Ausgabe 2/2013

Hochschulexpansion und Differenzierung

news

Aktuelle Diskussion

Welthochschulsystem

Hochschulexpansion und Differenzierung

Andrä Wolter, Leiter der Abteilung Hochschulforschung am Institut für Erziehungswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin

Für den Hamburg Transnational University Leaders Council 2017 haben die Körber- Stiftung und die Universität Hamburg beim Boston College, Center for International Education, eine Studie unter dem Titel „Responding to Massification. Differentiation in Postsecondary Education Worldwide“ in Auftrag gegeben. Die Studie wurde von Philip Altbach, dem Nestor der international- vergleichenden Hochschulforschung, zusammen mit Liz Reisberg und Hans de Wit koordiniert. 13 Länder wurden mittels Länderberichte in die Studie einbezogen: Ägypten, Ghana, Australien, China, Indien, Japan, Frankreich, Deutschland, Russland, United Kingdom, Brasilien, Chile, USA.

Foto: Humboldt-Universität zu Berlin

Die Frage, wieweit die weltweite Expansion in der Beteiligung an Hochschulbildung mit einer stärkeren Differenzierung der Hochschulsysteme einhergeht, ist alles andere als neu. Unter Hochschulforschern und bei einigen internationalen Organisationen (wie der OECD) ist die Annahme einer Komplementarität zwischen Expansion und Differenzierung seit langem verbreitet. So ganz eindeutig ist die Beziehung jedoch nicht: Expansion kann mit Entdifferenzierung einhergehen – wie unter anderem das United Kingdom mit der Umwandlung der Polytechnics in Universitäten gezeigt hat – oder mit einer Parallelität von Differenzierung und Entdifferenzierung. Auch kann sich eine stärkere Differenzierung von Hochschulen in ganz unterschiedlichen Formaten vollziehen.

So kommt die Studie des Boston Colleges zu dem Ergebnis, dass es in der Reaktion auf die Hochschulexpansion große Unterschiede zwischen den einbezogenen Ländern gibt. Doch die Mehrzahl der Länder zeigt eher eine anarchische als eine strategische Reaktion, wobei zwischen Diversifizierung und Differenzierung zu unterscheiden ist: „Postsecondary education has become diversified, with an anarchy of institutions, but without adequate differentiation in most countries … There is a vast array of institutions, but there is no clear differentiated system of institutions with clearly identified missions and purposes“. Eine ähnlich diffuse Entwicklung findet sich im Bereich der Qualitätssicherung.

Indikatoren für die Grundthese
Für ihre Grundthese führt die Studie mehrere Indikatoren an: „the revolution of the private sector“, sowohl von Non-Profit- wie von For- Profit-Anbietern, und die Ausbildung eines stark praktisch ausgerichteten Hochschulsektors in vielen Ländern, wobei die deutschen Fachhochschulen als Modell dienen. Zugleich findet unter solchen Bezeichnungen wie „world class“ oder „flagship universities“ eine stärkere Stratifizierung im universitären Segment statt, und es gibt Exzellenzinitiativen auch in anderen Ländern. Eine weitere Diversifizierung findet durch „online and distance providers“ statt.

Die Autoren des Boston-Colleges vermeiden ganz konkrete Empfehlungen zur weiteren Ausgestaltung der nationalen Hochschulsysteme. Erforderlich ist ihrer Ansicht nach erst einmal eine genaue Klassifikation aller öffentlichen und privaten postsekundären Einrichtungen und ihrer Funktionen einschließlich der Qualitätssicherung. Strategisches Ziel wäre „the development of a logical or integrated ‚system‘ of postsecondary education“, „a necessity if PSE is to function as a coherent system of programs and institutions … Differentiation would add logic to the diversification that has taken place“.

Richtet man den Blick auf Deutschland, fallen einige Besonderheiten auf. Bei der Hochschulexpansion galt Deutschland unter den OECD-Ländern lange Zeit eher als Nachzügler, doch nach dem starken Wachstum in der Beteiligung an Hochschulbildung aus dem letzten Jahrzehnt bewegt sich die Republik inzwischen im Mittelfeld. Sowohl Differenzierung als auch Entdifferenzierung sind zu beobachten; so sind manche Unterschiede weitgehend verschwunden, etwa die zwischen alten und neuen Universitäten, und auch manche Hochschultypen (wie Pädagogische Hochschulen und Gesamthochschulen). Fachhochschulen und Universitäten haben sich in den Abschlüssen und Programmen angenähert, doch gleichzeitig haben Muster einer eher informellen Differenzierung, primär auf (Forschungs-) Reputation und Qualitätsurteilen basierend, zugenommen (zum Beispiel Rankingverfahren oder die Exzellenzinitiative).

Die Proliferation privater Hochschulen ist auch in Deutschland zu beobachten, allerdings in begrenztem Umfang und nur in bestimmten Formaten. Tatsächlich ist der private Sektor von der Zahl der Einrichtungen her der einzige noch wachsende Sektor innerhalb unseres Hochschulsystems. In Deutschland gibt es aber weder private „Elite“-Forschungs- oder Volluniversitäten noch solche private Hochschulen, die gerade eine Öffnung zur „Massenhochschulbildung“ bewirken sollen. Die ganz große Mehrzahl privater Hochschulen beschränkt sich auf ein fachlich sehr spezielles Studienangebot, überwiegend in kostengünstigen Fachrichtungen, oder auf bestimmte Zielgruppen (zum Beispiel Berufstätige) und Studienformate (berufsbegleitend, Fernstudien-/Online-Angebote). Bezogen auf die gesamte Breite der Hochschul- und Studienangebote in Deutschland handelt es sich eher um Nischen.

Zu den Besonderheiten Deutschlands zählt auch, dass man hier nicht nur hochschulförmige Einrichtungen postsekundärer Bildung betrachten darf, sondern die nicht-akademische Berufsausbildung in ihren beiden Hauptformen – der betrieblichen Bildung und des Schulberufssystems – einbeziehen muss. Die wichtigsten Veränderungen, die sich in Deutschland vollziehen, betreffen nämlich genau das Verhältnis zwischen (nicht-akademischer) beruflicher und akademischer Bildung. Das traditionelle deutsche Qualifizierungssystem bestand lange aus einem breiten Sektor beruflicher Ausbildung – gleichsam als Rückgrat des Industriestandorts Deutschland – und einem eher schmalen Sektor akademischer Bildung, verbunden mit einer ausgeprägten Segmentierung und sehr geringer Durchlässigkeit. Doch genau diese herkömmliche Grundstruktur beginnt sich aufzulösen. Zwei Prozesse, ein politisch intendierter und ein politisch nicht direkt intendierter, sind hier zu erwähnen.

Der politisch nicht direkt intendierte Wandel besteht in einer fundamentalen Verschiebung der Bildungsbeteiligung von der beruflichen zur akademischen Bildung. Seit den 1950er Jahren lässt sich eine lange Zeit unauffällige statistische Konvergenz zwischen beiden Sektoren beobachten. Sie wird öffentlich erst thematisiert, seit der Abstand zwischen beiden Sektoren immer mehr geschmolzen ist und inzwischen (seit 2011) die Zahl der Neuzugänge ins Hochschulsystem die der Neueintritte in die betriebliche Berufsausbildung, traditionell das Herzstück beruflicher Qualifizierung in Deutschland, überflügelt hat. In Deutschland ist es zwar ein explizites politisches Ziel, die Zahl beziehungsweise die Quote der Studienanfänger zu steigern – so unter anderem nach einer Empfehlung des Wissenschaftsrats (2006) oder der Vereinbarung des Dresdener Bildungsgipfels (2008) –, tatsächlich geht die Entwicklung aber weit über alle Zielzahlen hinaus, und es ist nie ein politisches Ziel gewesen, mit einer Ausweitung des Hochschulsektors die berufliche Bildung zu gefährden.

Die Expansion der Bildungsbeteiligung ist jedoch weniger politisch induziert als eine säkulare gesellschaftliche Grundströmung, die auf einem Wandel des Bildungsbewusstseins und des Bildungsaspirationsniveaus in der Bevölkerung beruht und sich in veränderten Bildungsentscheidungen von Eltern und Jugendlichen manifestiert. Heute gilt allgemein der höchste Schul- und Ausbildungsabschluss als die beste Voraussetzung im Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt und im Berufsleben sowie als Schutz vor Statusverlust. Tatsächlich hat die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt, in arbeitsmarktpolitischen Indikatoren greifbar, dieses Entscheidungsmuster bislang auch eher verstärkt als dementiert. Das arbeitsmarktpolitische Problem ist nicht die zu große Zahl der Studienanfänger, sondern die zu große Zahl der Jugendlichen, die nach Schulabschluss nur Zugang zu den disparaten Maßnahmen und Programmen des sogenannten Übergangssystems findet und langfristig ohne Berufsabschluss bleibt – in den jüngeren Alterskohorten etwa jeder sechste.

Dennoch führt der Wandel der Bildungsbeteiligung auch zu Nachwuchsproblemen für die berufliche Bildung. Eine Reaktion ist es, und in diesem Fall als politisch intendierte Entwicklung, die historisch etablierte strikte institutionelle Segmentierung zwischen beiden Sektoren durch eine größere Durchlässigkeit und neue Kooperationsformen zwischen beruflicher und akademischer Bildung zu öffnen. Dafür ist ein breites Bündel an Maßnahmen entwickelt worden, etwa neue Formen des Hochschulzugangs für Berufstätige oder duale und berufsbegleitende Studiengänge.

Fazit
Als Bilanz der Altbach-Studie mit einem Blick auf Deutschland bleibt die Ermahnung an die Bildungspolitik, die Wechselwirkungen, Durchlässigkeiten und Kooperationen zwischen betrieblicher Berufsausbildung, dem Schulberufssystem und der Hochschulbildung nicht nur im Auge zu behalten, sondern zu einer systemischen Handlungsmaxime zu machen. Die Zukunft des deutschen Qualifizierungssystems liegt nicht in der historisch gewachsenen Abschottung, sondern in der Kooperation und Verknüpfung der Sektoren. Dies stößt jedoch in Deutschland auf eine politisch-administrative Schwierigkeit, die es zu überwinden gilt: die gänzlich unterschiedlichen Governance- und Akteursstrukturen für die Berufs- und die Hochschulbildung.

Einen weiteren Kommentar und Beiträge zum Schwerpunkt „Hochschulmanagement & Hochschulforschung" lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von WISSENSCHAFTSMANAGEMENT.

Foto: Humboldt-Universität zu Berlin