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Differenzierung des Welthochschulsystems

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Aktuelle Diskussion

Welthochschulsystem

Differenzierung des Welthochschulsystems

Prof. Dr. Dieter Lenzen, Professor für Philosophie der Erziehung an der Freien Universität Berlin und Präsident der Universität Hamburg, ehemaliger Vizepräsident für Internationales der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und Initiator von HTULC

In der Verantwortung für die Internationalisierung im Präsidium der HRK verdeutlichte sich während der Arbeit an einer Internationalisierungsstrategie sehr bald, dass die Entwicklung des tertiären Sektors weltweit einen chaotischen Prozess darstellt, der, ohne Eingriffe von außen, auf eine Dominanz des angloamerikanischen (atlantischen), ökonomischen Modells postsekundarer Bildung hinauslaufen wird (Lenzen 2015). Dabei konnte herausgearbeitet werden, dass sechs Elemente der Entwicklung im globalen Maßstab eine bedeutende Rolle finden werden: Es handelt sich zum einen um die Theorie der Universität, sodann um den Bildungsbegriff, die Frage des Hochschulzugangs, die Frage der Hochschulautonomie und der akademischen Freiheit, um das Phänomen der Differenzierung im postsekundaren System sowie um die Finanzierung von universitärer Forschung und Bildung.

Foto: Pressebild.de/Bertold Fabricius

Auf Initiative der Universität Hamburg wurde in engster Kooperation mit der Hochschulrektorenkonferenz und der Körber-Stiftung entschieden, künftig ein Treffen von Präsidenten der weltweit führenden Universitäten in Hamburg unter dem Titel „Hamburg Transnational University Leaders Council“ (HTULC) zu veranstalten. Die erste Versammlung dieser Art mündete im „Hamburg Protocol“. Es wurde beschlossen, sich in der ersten Folgeveranstaltung des Themas der Differenzierung des postsekundaren Sektors anzunehmen. Der Council traf sich zu diesem Thema im Juni 2017. Zur Vorbereitung der Beratungen über die Entwicklung des Hochschulsystems weltweit wurde beim Boston College im Herbst 2016 eine Studie in Auftrag gegeben, die eine Analyse der weltweit völlig unterschiedlichen Strukturen und Prozesse im postsekundaren Sektor dokumentieren sollte. Sie liegt inzwischen mit der Schrift „Responding to Massification: Differentiation in Postsecondary Education Worldwide“ vor.

Die Studie erlaubt nicht nur die Verortung des jeweils eigenen nationalen Systems der postsekundaren Bildung im globalen Vergleich, sondern sie zeigt, wie dringend notwendig gemeinsame Entwicklungsanstrengungen sind, um die „postsekundare Bildungsanarchie“ (Altbach et al. 2017) zu überwinden. Dieses ist die Voraussetzung dafür, dass ein Austausch internationaler Art sowohl von Studierenden als auch von wissenschaftlichem Personal überhaupt möglich wird. Nur auf diese Weise können auch die kontinuierlichen, in Deutschland meistens von großer Unkenntnis geprägten Vergleiche zwischen der Leistungsfähigkeit deutscher Hochschulen und etwa denen im angloamerikanischen Raum überwunden werden. Kurz gesagt: Universitäten deutscher Prägung sind keine „Universities“, von denen es alleine in den USA fast 5.000 gibt. Der ständige Vergleich von Größenordnungen, sei es des Budgets, des Personals, der Betreuungsrelation, der Publikations- und Zitationsmengen, der Patente, der eingeworbenen Drittmittel und vielem anderem sind schlicht sinnlos. Am sinnfälligsten wird das im Hinblick auf Drittmittel: Ein Universitätssystem wie in den USA, das staatlicherseits nahezu überhaupt nicht gefördert wird, ist notwendigerweise zu 100 Prozent aus Drittmitteln finanziert. Das ist keine Leistung, sondern eine Existenzvoraussetzung und kann insoweit nicht mit dem Drittmitteleinwerbungsverhalten deutscher Universitäten verglichen werden, das aufgrund des Rückzugs des Staates allerdings inzwischen auch bei über 30 Prozent angekommen ist.

Studium ersetzt Ausbildung
Die Studie von Altbach, de Wit und Reisberg resümiert die postsekundare Bildungsanarchie mit einer Reihe von Faktenbeschreibungen, die die Interventionsnotwendigkeit deutlich machen: Nur zwei bis fünf Prozent der weltweit rund 22.000 Hochschulen (davon 116 Universitäten in Deutschland) sind Spitzenforschungsuniversitäten („World Class Research Universities“). Der Rest konzentriert sich nicht primär auf den wissenschaftlichen Nachwuchs wie in Deutschland, sondern auf die Berufsausbildung für alle akademisch akzentuierten Berufe, bis hin zu denen, die in Deutschland auf mittlerem Ausbildungsniveau (Vollzeitberufsschulen) angeboten werden.

Der auch in Deutschland zu beobachtende Trend zur Massifizierung des Hochschulbesuchs hat mit etwa 50 Prozent einer Alterskohorte weltweit offenkundig einen Sättigungspunkt erreicht, was die Frage nach dem Verbleib der anderen 50 Prozent aufwirft. Deutschland hat dafür eine außerordentlich erfolgreiche Antwort: das duale Ausbildungssystem sowie das Vollzeitberufsschulsystem für die Assistentenberufe. Vergleichbares existiert in vielen anderen Ländern nicht, sodass Berufe, die in Deutschland eine dreijährige Ausbildung voraussetzen, dort staatlicherseits überhaupt nicht im Fokus stehen, sondern nicht selten durch „training on the job“ von Ungelernten wahrgenommen werden.

Diese Grunddifferenzierung zwischen akademischer und beruflicher Bildung fehlt fast überall. Im Effekt bedeutet dies, dass dort möglichst viele Menschen versuchen, ein Universitäts- oder Collegestudium zu realisieren, weil ohne dieses eine Ausbildungsvoraussetzung für keinen Beruf gegeben ist. Die University ist also ein Bestandteil des Berufsausbildungssystems, was für deutsche Universitäten nicht gilt.

Gleichwohl ist mit dem Bologna-Prozess diese Suggestion erzeugt worden, indem von deutschen Universitäten verlangt wurde, ihre Fächer zu Berufsausbildungsfächern umzustrukturieren und entsprechende Bestandteile nachzuweisen. Ein solches Element ist der Tradition des deutschen Universitätssystems fremd und stellt die Hochschulen vor schwierige Aufgaben. Sie lösen sie meistens dadurch, dass Berufsausbildung nicht wirklich betrieben, sondern curricular suggeriert wird, eine Tatsache, die über kurz oder lang zu Widerstand seitens der Absolventen führen muss.

Auf der anderen Seite ist das klassisch ausgebildete Personal auf Professuren von seinem Selbstverständnis her auch kein Berufsausbildungspersonal, sondern Forschungspersonal. Zu dem Wildwuchs eines politisch kaum noch kontrollierten, geschweige denn gesteuerten Hochschulsystems weltweit gehört auch die Expansion privater Hochschulen nach US-amerikanischem Muster mit den entsprechenden Folgen für einen aus ökonomischen Gründen restringierten Zugang zum Hochschulsystem.

Die Autoren der Studie beklagen die Tendenz zur „Verwischung“ der Trennlinie zwischen Universitäten und Fachhochschulen durch die Ermöglichung von Bachelor- und Masterabschlüssen für Fachhochschulen, womit diese tendenziell in die Reihe der Forschungsuniversitäten aufgenommen werden wollen. Markant ist der Umstand, dass Deutschland das einzige Land geblieben ist, in dem es eine völlig beitragsfreie öffentliche Hochschulbildung gibt, mit zwei Ausnahmen: Schottland und Chile, wo eine Tendenz zur Anerkennung von Bildung als öffentlichem Gut zu erkennen ist.

Fazit
Insgesamt zeigen sich die Autoren über den Mangel an Differenzierung im postsekundaren Sektor weltweit besorgt, über das Fehlen „gutgeplanter, wohldefinierter postsekundarer Bildungssysteme“ (Altbach et al. 2017, 6). Sie stellen fest, dass die meisten Regierungen mit der Komplexität einer politischen Gestaltung des postsekundaren Bildungssektors offenkundig völlig überfordert sind und das System einem Chaos überlassen haben. Sie konzentrieren sich laut der Studie des Boston College nur noch auf drei Ziele: die Entwicklung eines Elitesektors, den Zugang zu einem wie auch immer gestalteten Hochschulbereich für eine immer größere Anzahl ganz unterschiedlicher Studierender und die Sicherstellung von Qualitätskontrolle angesichts des Wachsens von immer mehr privaten Anbietern.

Die Autoren resümieren: „Die postsekundare Bildung durchläuft derzeit eine Phase der Anarchie. Sie erlebt dabei eine durch ein breites Spektrum an Zwecken und Zielgruppen bedingte Differenzierung; zugleich scheint es die Kapazitäten der Regierungen zu übersteigen, diese Veränderungen zu steuern. Der Weg in die Zukunft besteht darin, diese Anarchie in ein kohärentes, integriertes System postsekundarer Bildungseinrichtungen guter Qualität zu überführen. Dies jedoch wird erhebliche politische Entschlossenheit, Haushaltsmittel und vor allem viel Zeit erfordern.“ Dem ist nichts hinzuzufügen, außer: Wann geruht die Politik, damit zu beginnen?

Einen weiteren Kommentar und Beiträge zum Schwerpunkt „Hochschulmanagement & Hochschulforschung" lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von WISSENSCHAFTSMANAGEMENT.

Foto: Pressebild.de/Bertold Fabricius