Abiturnoten und Studierfähigkeit
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Studium
Abiturnoten und Studierfähigkeit
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Fazit
Die Studierfähigkeit der Schulabgänger:innen beziehungsweise Studienanfänger: innen über die Zeit miteinander zu vergleichen, stellt sich als schwieriges Unterfangen dar. Dies ist zum einen auf eine fehlende empirische Befundlage zurückzuführen: In Deutschland liegen ab der Sekundarstufe II keine standardisierte Kompetenztests vor. Während in der Primarstufe und Sekundarstufe I einheitliche nationale und internationale standardisierte Kompetenztestverfahren (unter anderem PISA, TIMMS, VERA) zum Einsatz kommen, existieren solche regelmäßigen Kompetenzaufnahmen für Schüler:innen der Sekundarstufe II oder Abiturient:innen nicht. „[M]angels entsprechender Längsschnitt- und Vergleichsuntersuchungen“ können daher keine Aussagen über eine etwaige (abnehmende) Studierfähigkeit getroffen werden (Wolter 1989, 70).
Da Noten in Abhängigkeit von den sich wandelnden Klausuranforderungen vergeben werden, die etwa aufgrund curricularer Reformen einem konstanten Wandel unterliegen, ist es zum anderen grundsätzlich schwierig, Noten über den Zeitverlauf miteinander zu vergleichen. Trotz einer gewissen Unzufriedenheit der Hochschulen mit der vorwissenschaftlichen Bildung an den Gymnasien, die sich anhand wiederkehrender Klagen, eigener Zulassungsverfahren und hochschulischer Vor- und Brückenkurse zeigt, ist es daher derzeit nicht möglich, empirisch gesicherte Aussagen über eine etwaige Abnahme der Studierfähigkeit über die Zeit zu treffen.
Dennoch deuten die Ergebnisse unserer Analysen darauf hin, dass zwar einerseits keine Inflation der Abiturnoten besteht, andererseits aber die Korrelation von Abiturnoten mit der akademischen Performanz abgenommen hat. Die verkürzte „Signal-Kompression“ erhöht die Varianz innerhalb der Notenbänder: Hochschulen erhalten unscharfe Eingangssignale, Studierende treffen suboptimale Einsatzentscheidungen. Die Vorhersagekraft studienrelevanter Leistung (Kriteriumsvalidität) sinkt bei einer Signal-Kompression ab, was eine Kumulation von Hürden bewirken kann. Folglich ist von einer späten Problemwahrnehmung, verzögertem Hilfesuchen, Frustrationsspitzen bei ersten Transferprüfungen und steigenden Risiken für einen hohen Studienfachwechsel beziehungsweise gar Abbruch auszugehen. Insgesamt legt der Beitrag nahe, dass die Kombination aus Signal- Kompression und fehlenden Passungen die beobachtete Diskrepanz zwischen Abiturnoten, Selbsteinschätzung und akademischer Performanz erzeugt.
Trotz der limitierten Aussagekraft der Fallstudie (welche es in einem größeren Umfang zu replizieren gilt) weisen die Ergebnisse der Analyse auf zahlreiche Konsequenzen hin: Um das umfassende Konstrukt der Studierfähigkeit adäquat abbilden zu können, müssen Studien über Abiturnoten als alleinigen Indikator für Studierfähigkeit hinausgehen und daneben auch noch weitere studienrelevante Kompetenzen in Betracht ziehen. Zudem sollte weiterführende Forschung sich der Frage annähern, auf welche Weise Abiturnoten die für ein Studium erforderlichen fachlichen, persönlichen, sozialen und kognitiven Dimensionen abbilden beziehungsweise abdecken (können). Scheinen zentrale Unterschiede auf, gilt es auf die konkreten (methodischen, didaktischen, bildungszielorientierten) Unterschiede des Unterrichts und der Anforderungen an Schulen und Hochschulen hinzuweisen. Abschließend impliziert das Verständnis von Studierfähigkeit als Ensemble an Fähigkeiten eine Diagnostik und institutionelle Förderung, welche nicht rein fachlich, sondern mehrdimensional ansetzt.
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Dr. Magdalena Fellner ist Postdoc und zuständig für den Forschungsbereich „Studierende und Absolventen” am International Center for Higher Education Research (INCHER) der Universität Kassel.
Dr. Stefan Büchele ist Postdoc am International Center for Higher Education Research (INCHER) sowie Lehrkraft für besondere Aufgaben am Fach Quantitative Methoden / VWL des Instituts für Volkswirtschaftslehre der Universität Kassel.



















