Newsletter

Mit unserem Newsletter immer auf dem Laufenden.

Newsletteranmeldung

Archiv

Das Archiv bietet Ihnen ältere Ausgaben aus den Jahrgängen 2003 bis 2017 der Zeitschrift Wissenschaftsmanagement im PDF-Format kostenlos zum Download.

Zum Archiv

Themendiskussion

Diskutieren Sie unsere Themen oder schlagen Sie uns Themen für die nächsten Ausgaben vor.

Themen diskutieren
Themen vorschlagen

Aktuelle Ausgaben
Jahresband 2022
Alle 2022 online erschienenen Artikel zum Nach-Lesen
Jahresband 2021
Alle 2021 online erschienenen Artikel zum Nach-Lesen
Sonderausgabe 2020
Sonderausgabe 2020
special Archiv

Das Archiv bietet Ihnen die special Beilagen zur Zeitschrift Wissenschaftsmanagement aus den Jahrgängen 2004 bis 2013 im PDF-Format kostenlos zum Download.

Zögern lernen

news

Alice Lagaay und Anna Suchard

Forschungsnetzwerk

Zögern lernen

Ein Plädoyer für die Notwendigkeit interdisziplinärer Zwischenspiele

Die Entwicklung der Weltlage, von der Klimakrise, über eskalierende kriegerische Konflikte, bis hin zu den erschreckenden Zugewinnen der rechten Populisten allerorts, vermitteln uns immer häufiger das Gefühl, nicht aufstehen zu können – und auf keinen Fall liegen bleiben zu dürfen! Das lässt die Frage aufkommen, welchen Raum wir dem „Zögern“ als Modus geben können oder müssten? Hier kann uns Performance Philosophy als Zusammenhang wertvolle Hinweise liefern (https://www.performancephilosophy.org).

Wissenschaftsmanagement - Entscheiden.Führen.Gestalten

Performance Philosophy ist zunächst einmal ein internationales Forschungsnetzwerk, das die performativen Aspekte der Welt und des Wissens Ernst nimmt und versucht ein informiertes Verhältnis zwischen Denken und Erleben, zwischen Theorie und Praxis, zwischen Text und Leben herzustellen. Performative Forschung und Performativitätsforschung werden hier als nichts weniger betrachtet als die Art und Weise, wie wir kollektiv und individuell handelnd, Wirklichkeiten generieren. Hierzu ist zuallererst eine Wahrnehmungsschule von Nöten, die das Erleben des Alltäglichen nicht aus der (akademischen) Forschung (und Lehre) ausklammert, sondern im Gegenteil, zentral setzt.

Zögern ist nicht Stillstand

Wenn wir also das Erleben des Alltäglichen, sowohl das eigene als auch das, was wir bei anderen beobachten können, Ernst nehmen, kann das aktuell durchaus zu Zögerlichkeiten führen. Also nicht zum Nichtstun, sondern zum erwähnten Paradoxon, nicht handeln zu können und nicht nicht handeln zu dürfen. Darunter leiden wir dann für gewöhnlich. Aber was, wenn das Zögern kein Zustand ist, den es einfach rasch zu überwinden gilt, sondern im Gegenteil, vielleicht der schlichtweg angemessene Modus? Dürfen wir das Zögern willkommen heißen? Oder wäre das fatal? Es fühlt sich zumindest gefährlich an.

„Stillstand ist der Tod“, mit diesem Topos sind wir aufgewachsen. Die Hektik unseres Alltags, hat diesen Topos sicherlich pervertiert und doch ist er vielleicht wahr: Tod ist zumindest Stillstand. Aber „Zögern“ ist nicht Stillstand, sondern bedeutet zunächst einmal innezuhalten, es ist ein Zustand des Zwischen. Zögern bedeutet, dass man ein Standardverfahren, das automatisch ablaufen könnte, verweigert, weil seine Angemessenheit irgendwie in Zweifel geraten ist. Es muss geprüft werden. Wer zögert, entzieht seinem Handeln also die Hektik. So kündet das Zögern umgekehrt immer von einer Instabilität in einem standardisierten Ablauf; etwas ist ins Wanken geraten und es ist unklar, ob es „kippt“, wenn man im Standardverfahren darauf reagiert. Das scheint recht gut zur Weltlage zu passen. Sie ist ins Wanken geraten und wir müssen sicherlich prüfen, ob unsere Standardverfahren noch angemessen sind. Dazu ist zunächst einmal notwendig, dass wir solche Wahrnehmungen nicht totschweigen, sondern im Gegenteil zur Disposition stellen: Sind unsere Systeme noch stabil? Lassen sie sich noch restabilisieren? Wollen wir das überhaupt, wenn wir es denn noch können? Dürfen wir noch in Zukünfte projizieren, die von der Stabilität dieser Systeme ausgehen? Müssen wir eine andere Art des Planens erlernen, als die im institutionellen Apparat verlangte? Was müssten wir dazu verlernen?

Nötige und mögliche Handlungsweisen

Hierzu möchten wir neben dem Performance Philosophy Network exemplarisch noch zwei ermutigende Beispiele anführen, die zeigen sollen, dass eine andere Arbeits-, Denk- und Handlungsweise so nötig, wie möglich ist.

1. Am Zentrum für Designforschung der HAW Hamburg lief von 2019 bis Anfang 2023 ein interdisziplinäres Projekt, Speculative Space, das als Labor für spekulative Designforschung konzipiert wurde. Mehrere Forschende aus unterschiedlichen Disziplinen – Philosophie, Designforschung, Designpraxis, Politikwissenschaften, Kunst, Künstlerische Forschung und Textilforschung – waren an dem von der Landesforschungsförderung Hamburg finanzierten Projekt beteiligt.

2. Die Universität Bremen hat sich unter der neuen Leitung von Professorin Dr. Jutta Günther das engagierte Ziel eines gemeinsamen Leitthemas gesetzt und möchte sowohl inner- als auch außeruniversitäre Dialogketten zum Thema des Klimawandels, der Klimagerechtigkeit und der Nachhaltigkeit initiieren. Wir haben uns also am Zentrum für Performance Studies/Theater der Versammlung gefragt, wie wir einen Teil zu diesem ambitionierten Vorhaben beitragen können und planen hierzu nun ein fächerübergreifendes Transferprojekt, das die Wissenschaftsschwerpunkte der Universität Bremen einerseits miteinander, und andererseits mit der außeruniversitären Öffentlichkeit in Kontakt setzt.

Fazit

Die beiden skizzierten Beispiele sind stellvertretend für viele andere Projekte, von denen wir berichten können, dass sie nicht nur nützliche Erkenntnisse und Arbeitsweisen zutage fördern, sondern auch sinnvolle. Diese Unterscheidung möchte darauf hinweisen, dass wir angesichts der allgegenwärtigen Krisen nach sinnvollen und sinnspendenden Arbeitsweisen Ausschau halten sollten. Krisenzeiten sind anstrengende Zeiten und es ist nur verständlich, dass wir unnötige Anstrengungen vermeiden. Aber wenn wir fragen wollen, ob unsere Standardverfahren noch angemessen sind, brauchen wir eine neue Maxime in unserer Unterscheidungsfähigkeit von nötigen und unnötigen Anstrengungen, die nicht nur die Effizienz unseres wissenschaftlichen Arbeitens, sondern auch seine Nachhaltigkeit in den Blick nimmt. Das Arbeiten in interdisziplinären Kollektiven kann und darf durchaus anstrengend sein. Das verlangt möglicherweise im institutionellen Alltag das Zögern zu erlernen und das Nicht-Wissen, wie auch das Missverstehen willkommen zu heißen, statt es aus Arbeitszusammenhängen zu verbannen. Gerade im kollektiven, interdisziplinären Arbeiten kann dies nämlich als Kompass dienen, um das Gegebene vom Möglichen zu differenzieren und die Wirklichkeit als gestaltbar wiederzuentdecken.

 

  • Der komplette Artikel ist im ► Onlineshop von Lemmens Medien erhältlich. Den Abonnenten der Zeitschrift Wissenschaftsmanagement steht der gesamte Beitrag in ihren Accounts zum kostenlosen Download zur Verfügung.

 

Prof. Dr. Alice Lagaay ist Professorin für Performative Studien und Medientheorie im Department Design der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW Hamburg).

Dr.-phil. Anna Suchard (vormals Seitz) ist Dramaturgin, Philosophin und Teil des Leitungskollektivs „ca.si.an“ des Zentrums für Performance Studies der Universität Bremen und des daran angeschlossenen Theaters der Versammlung.