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Wir brauchen KI-Versteher statt Robo-Philosophen

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Bruno Gransche

Künstliche Intelligenz

Wir brauchen KI-Versteher statt Robo-Philosophen

Künstliche Intelligenz als Lebenszeugnis und Methode in den Geisteswissenschaften

Künstliche Intelligenz (KI) ist derzeit eines der meistdiskutierten Phänomene mit zahlreichen Auswirkungen in vielen Bereichen unserer Lebenswelt. Die damit verbundenen drastischen Umbrüche werden aus Sicht des Silicon Valley und einiger Neoliberaler Apologeten gefeiert, worüber nicht nur die zahlreichen täglichen Marketingverheißungen auf allen Bildschirmen informieren, sondern auch bezeichnend naive Wahlslogans wie „Digital first, Bedenken second“ (FDP, Bundestagswahl 2017). Eindeutig positioniert sind auch politische Strategien wie die Nationale Initiative für Künstliche Intelligenz und Datenökonomie „Mission KI – AI made in Germany“ (2023) oder die Europäische KI Strategie mit folgenden Zielen: 1) Förderung der Entwicklung und Einführung von KI in der EU, 2) Europa zu dem Ort machen, an dem KI vom Labor zum Markt gedeiht, 3) sicherstellen, dass KI für Menschen funktioniert und eine Kraft für das Gute in der Gesellschaft ist sowie 4) Aufbau einer strategischen Führungsrolle in schlagkräftigen Branchen. Der politische Wille und das einhellige Ziel sind unmissverständlich: Mehr KI!

Foto: privat

Andererseits regt sich Kritik und formiert sich Widerstand angesichts dessen, was diese digitale Transformation an Risiken und Problemen bedeuten könnte. Wichtige Regulierungen gehen dabei von der EU aus, die mit der Datenschutzgrundverordnung DSGVO (2018) (inzwischen international nachgeahmt) notwendige, wenn auch noch weiterzuentwickelnde Regeln für die Digitalisierung geschaffen hat und jüngst mit dem EU AI Act ein risikotypenbasiertes und anwendungsspezifisches Regulierungswerk vorgelegt hat (finaler Entwurf 2024). Dass laut EU KI Strategie nämlich sichergestellt werden soll, dass KI als Kraft für das Gute in der Gesellschaft wirkt, lässt die Kehrseite erkennen, dass sie unkontrolliert und nicht reguliert eben auch zu einer Kraft für das Schlechte in der Gesellschaft werden kann. Was dieses Gute und Schlechte (oder für manche: Böse) denn genau ist und was nicht, für jeweils wen, wie lange, wann und unter welchen Umständen, in Bezug auf welche Werte, Kriterien, Ideale, Lebensorientierungen und was es ausgehend davon werden soll oder keinesfalls werden darf, das sind komplexe Reflexionsaufgaben und Orientierungsfragen, die in dem oben zitierten Punkt 3) unscheinbarer daherkommen, als sie sind.

Was ist die Frage und wovon die Rede?

In welchem Verhältnis stehen KI und die Geisteswissenschaften? Wie verändert KI die Prozesse, Methoden, Arbeitsabläufe und Üblichkeiten in der Forschung und Lehre der Geisteswissenschaften? Welches Verständnis von KI liegt solchen Fragen zugrunde? Inwiefern wird KI zum Gegenstand der Geisteswissenschaften, also zu einem kulturellen, menschengemachten und tradierten Phänomen? Sind die jetzigen und absehbaren Entwicklungen positiv oder negativ und für wen? Welche Arten von Handlungsoptionen folgen daraus? Um diese Fragen zu beantworten, müssen zunächst einige begriffliche Unklarheiten bezüglich des Terminus KI geklärt werden.

Im gesellschaftlichen, aber auch im politischen und wissenschaftlichen Diskurs, wird häufig undifferenziert von der KI als monolithischem Konzept gesprochen. Dabei wird mit KI tatsächlich auf ein komplexes Phänomen verwiesen, dessen Facetten analytisch getrennt aber in ihrem notwendigen Zusammenhang betrachtet werden müssen. Es ist klar, dass KI nicht nur eine Technologie oder eine Wissenschaft ist, sondern ein vielschichtiges Phänomen, das Elemente aus Technologie, Imaginationen, Diskursen, Erzählungen, Mythen, Versprechungen, Bedrohungen, Geschäftsinteressen, Machtmitteln und Strukturen der Ermöglichung umfasst. Zum Phänomen KI gehören konkrete Infrastrukturen, wissenschaftliche Forschungsprogramme, Algorithmen, utopische Vorstellungen wie Skynet, Ex Machina oder die Matrix, Hoffnungen in Bezug auf die KI-Verheißungen im Bereich der Medizin und Ängste vor Arbeitsplatzverlust oder der Verdrängung durch KI. So gehören technische Phänomene von KI und verschiedene Diskurse über KI, Sachstand und Imaginationen untrennbar zusammen.

(…)

Robo-Priester und KI-Philosophen?

Zahlreiche Tätigkeiten geraten durch die zunehmende Leistungsfähigkeit (oder stellenweise auch nur Leistungssimulation) von KI unter Druck. Tätigkeiten im kaufmännischen Bereich (financial clerks) riskieren durch Digitaltechnik und KI weitestgehend verdrängt zu werden. Es wird angenommen, dass ihr Automatisierungsrisiko bei 100 Prozent liegt, das von Steuerberatern bei 97 Prozent, dagegen das von Philosophiedozierenden zum Beispiel bei (nur beziehungsweise immerhin) 23 Prozent. Inwiefern die Wissenschaften von Digitalisierung und KI betroffen sind muss mindestens für die verschiedenen Wissenschaften getrennt betrachtet werden, da der Impact für Germanistik beispielweise anders ausfallen wird als für die Informatik. Wie steht es angesichts des eingangs erwähnten Unterstützungs- und Orientierungsbedarfs des gesellschaftlichen Wandels im Zuge der Digitalisierung mit den Geisteswissenschaften? KI-Steuerberater scheinen eine Frage der Zeit, Segensroboter (BlessU2 [Pluta 2017]) und Gebetsroboter (SanTo, [Trovato/Weng 2022]) existieren bereits: Wann wird es die ersten KI-Philosophinnen und KI-Literaturwissenschaftler geben? Und ergibt das überhaupt Sinn?

(…)

KI als Transformation des Vorgehens oder als Gegenstand der Geisteswissenschaften

Die Frage nach dem Verhältnis von KI und Geisteswissenschaften muss in mindestens zwei Richtungen gestellt werden. Erstens fragt sich, inwiefern KI die Methoden und Prozesse der Geisteswissenschaften verändert, inwiefern sie tradierte Praktiken und wissenschaftliche Üblichkeitsstandards ändert. Dies ist vor allem in systemischer Perspektive zu betrachten, da die Aufnahme oder Nichtaufnahme der neuen Tools und Methoden abhängig ist von der Offenheit und Technikaffinität der Individuen, ihrer Anerkennung und Zulässigkeit durch institutionelle Gremien, der Berücksichtigung bei Lehrstuhlausrichtungen, Publikationsselektion und -erfolg et cetera. Zweitens muss betrachtet werden, ob KI zum Gegenstand geisteswissenschaftlicher Forschung gemacht werden kann. Tatsächlich könnten Konzepte, Anwendungen, Geschäftsmodelle oder Inszenierungen durch KI analysiert und ausgelegt werden, genauso wie analoge Gegenstände wie Schriftrollen mit neuen KI-Tools anders in den Blick genommen werden können. 2023 ist es zum Beispiel erstmals gelungen 2.000 Jahre alte Schriftrollen, die von Venuslava in Pompeji zu Ascheklumpen karbonisiert wurden, mittels KI-CT-Scan-Auswertung lesbar zu machen. KI kann somit zuvor unzugängliche Quellen erschließen und Zugang zu unter Umständen neuartigen Lebenszeugnissen ermöglichen (etwa umfassende Verhaltensdaten). Die Auslegung solcher Ergebnisse aber ist und bleibt eine Kompetenz der Geisteswissenschaftler:innen.

(…)

Fazit

Inwiefern die Wissenschaften insgesamt und speziell die Geisteswissenschaft und darunter speziell einzelne Disziplinen KI-Tools in ihre Forschungsprozesse integrieren (werden), kann nicht umfassend beurteilt werden. KI wird jedenfalls die Methoden und Arbeitsweisen nach und nach beeinflussen, so wie auch digitale Formate wie PDF, Zitationssoftware oder Office-Programme und E-Mail den Arbeitsalltag aller Wissenschaftler nicht unberührt gelassen haben. Aus dem Gesagten folgt, dass KI die Rollen und Tätigkeiten von Forschenden nicht auf absehbare Zeit (vermutlich jedoch nie) gänzlich wird ersetzen können. Der Robo-Researcher bezeichnet entweder nur eine Schwundstufe eines Forschers oder ist reine Utopie – im Falle der verstehenden Wissenschaften vermutlich prinzipiell letzteres. An einigen Stellen können KI-Tools Effizienzgewinne erzeugen, was der Forschung und den Erkenntnissen zugutekommen kann, aber keineswegs muss. Je nach systemischer Einbettung der Transformation kann am Ende auch stehen „More Work for Researchers!“. Ebenfalls unstrittig ist die Tatsache, dass die Integration neuer Tools in die Forschung mit neuen Kompetenzen einhergehen muss, um wissenschaftliche Standards der Transparenz, Wiederholbarkeit oder Überprüfbarkeit weiterhin sicherzustellen. Dabei auszuloten ist ein vernünftiges, realistisches und zielführendes Verhältnis zwischen Digital-Kompetenzen und KI-Methoden-Kenntnissen einerseits sowie inhaltlich interpretatorischer Kompetenzen, besonders bei den Geisteswissenschaften, andererseits. Daten zu verarbeiten, Informationen zu generieren und Wissen abzuleiten ist wenig wert, wenn es nicht (zumindest mittelbar) dazu dient, Schlüsse daraus zu ziehen, die als Entscheidungs- und Handlungsorientierung verstanden werden können und im Dienste wünschenswerter Transformation handlungswirksam werden. Wie wollen wir leben? Was sollen wir tun? Was müssen wir dafür können? Wer ist das Wir dieser Fragen? Wie lange gelten die Antworten und für wen und unter welchen Bedingungen? Welche Technologien sind tauglich im Sinne der jeweiligen Antworten? Dies sind zentrale Fragen, für die die Wissenschaften Wissen schaffen müssen, die die Gesellschaft in den Arenen der Öffentlichkeit, Politik, Wirtschaft und Kultur debattieren muss und bei deren Beantwortung Unterstützung und Orientierung auch verstehende Wissenschaften unentbehrlich sind.

(…)

Die geisteswissenschaftliche Expertise, das Verstehen des komplexen Phänomens KI und seinen sozialen, ethischen, rechtlichen, kulturellen, ästhetischen Effekten kann daher nicht bei den Geisteswissenschaftler:innen verbleiben, sondern muss transdisziplinär handlungsorientierend bei Industrie und Politik wirksam gemacht werden. Das Beratungs- und Weiterbildungsprogramm Transformative Philosophy des Autors ist ein solcher Schritt für philosophisch-ethisches Orientierungswissen über neue Technologien für Gestalter und Regulierer von Technik und Infrastrukturen – viele weitere und andere Schritte müssen gemeinsam gegangen werden.

 

  • Der komplette Artikel ist im Onlineshop von Lemmens Medien erhältlich. Den Abonnenten der Zeitschrift Wissenschaftsmanagement steht der gesamte Beitrag in ihren Accounts zum kostenlosen Download zur Verfügung.

 

Dr. Bruno Gransche ist Philosoph und Zukunftsforscher. Er lehrt und forscht am Karlsruher Institut für Technologie KIT zur Philosophie neuer Mensch-Technik-Verhältnisse sowie zu gesellschaftlichen und ethischen Aspekten der Digitalisierung.

Foto: privat